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Die neuen Nachbarn waren eher von der neugierigen Sorte; solche, die perfekt planen und es dann ganz dezent jenen unter die Nase reiben, die noch sechs Monate nach dem Einzug mit den verschiedenen kleinen Baustellen im Haus zu kämpfen haben.

An einem Samstagmorgen im Mai klingelten sie nebenan und fragten nach den Plissees, die sie vor dem Küchenfenster gesehen hätten; sie bräuchten das ja auch für ihre Fenster und müssten sich bald drum kümmern, in zwei Wochen sei ja schon der Umzug. Ihre Blicke gingen verstohlen neugierig in die Ecken, als Stefan sie vom Windfang in den offenen Wohnraum zur Küche führte; die Krümel vom Frühstück auf der kleinen Theke bemerkten sie ebenso wie die Gummistiefel unter der Treppe. Und er glaubte zu bemerken, wie sie die Stirn runzelte, weil im Windfang noch die nackte Glühbirne von der blanken Betondecke baumelte, aber das hatte er Annie ja schon seit Wochen versprochen, dass er sich darum kümmerte, sobald sie sich einen Schuhschrank ausgesucht hatte, der anstelle der Kisten dann dort Platz fand. An den Wänden waren noch die Bleistiftzeichnungen vom Fliesenleger, der ihnen demonstriert hatte, wie er die ockerbraunen Fliesen im wilden Verband legen wollte und Annies Handynummer, die der Treppenbauer dort notiert hatte.

Aber das alles störte ihn nicht, ebenso wenig die Glastür, die noch in Knallfolie verpackt war oder die Treppenstufen, die ebenfalls noch mit Pappe umhüllt waren. Vielmehr störte ihn, wie die beiden, sobald sie den Mund aufmachten, erkennen ließen, dass bei ihnen bis zum Umzug alles an seinem Platz sein würde – das Parkett in allen Räumen, die Küche – sie hatten nach dem Einzug noch sechs Wochen darauf warten müssen – Farbe und Vlies an allen Wänden, in jedem Raum schon Lampen und Plissees.

Trotzdem mochte er sie. Jedenfalls mehr als die Nachbarin auf der anderen Seite, die in ihren himbeerfarbenen Crocs, Leggings und einem viel zu großen T-Shirt durch den Garten stakte und immer etwas verwirrt wirkte, wenn er sie grüßte. In ihrem Haus war alles beige, als richtete sie sich schon aufs Altern ein.

I’m a little bit of everything

Zurück aus Regensburg, drei Tage fiebrig erkältet mit “sonnem Kopp” auf dem roten Sofa gelegen und meinem Gastgeber vermutlich mit meiner Grätzigkeit so ziemlich den allerletzten Nerv geraubt. Zwischendurch aufgerafft, um bei Dombrowsky und Pustet Bücher zu shoppen. Das wahrhaft Schwierigste war, sich überhaupt was auszusuchen, denn das war eine Erkältung mit Entscheidungsschwäche. Ungerechte Welt. Mit Müh und Not zwei Bücher gefunden.

Heute wieder daheim. Das Schöne: diese drei Tage haben’s trotz der Erkältung echt gebracht. Ich bin erholt und munter, und auf der morgendlichen Laufrunde habe ich mich selbst überrascht. Trotz leichter Schnupfigkeit erreichte ich eine doch recht gute Zeit, und zwischendurch war da dieses wunderschöne Gefühl, das man beim Laufen irgendwann bekommt – dieser Fluss, auf dem alles ganz leicht ist. Sogar die schmerzenden Muskeln, die sich wohlig strecken, weil sie mitspielen, wie sie sollen und wollen.

Soundtrack of the day: Meredith Brooks – Bitch

Vorfreude

Exif_JPEG_422Und alle so: yeaaaah!

Da ist es wieder passiert, ein paar Monate sind rum, und ich suche die wenigen Dinge zusammen, die immer irgendwie dabei sein müssen, werfe sie in ein Köfferchen und stelle den Wecker. Morgen recht früh raus für meine Verhältnisse, am Bahnhof wird’s noch frisch sein, und in Zügen friere ich sowieso, das gehört dazu, inzwischen hab ich auch das bedacht und packe Cardi und Tuch ein, vonwegen frieren. Mit mir nicht. Über fünf Stunden Zugfahrt, schon da fängt das an, diess Runterkommen, von dem ich dann immer schwärme. Runterkommen, rauskommen, dem Alltag für ein paar Tage eine lange Nase drehen, du kannst mich mal, ich hab jetzt Urlaub. Drei Tage genügen, das Hirn ein bisschen durchzupusten, lange Gespräche, gutes Essen, ein bisschen Arbeit (ist klar!) und auch viel Zeit, sich ein bisschen neu einzunorden und zu wappnen für die kommenden Wochen. Da steht ein Umzug an, aber den darf ich da gepflegt für sehr kurze Zeit einfach vergessen, und genau das werde ich auch tun.

Wann, wenn nicht jetzt?

Es fühlt sich nach wie vor sehr ungewohnt an, wenn ich es ausspreche. Aber ich gehe inzwischen etwas offensiver damit um.

“Danach hör ich auf”, sage ich. Mit dem Schreiben, wie es bisher war. Danach wird es anders. Freier. Gefährlicher, Aufregender.

Das gebiert auch eine Menge Angst, und es spielt auch eine gewisse Verunsicherung mit. Was ist, wenn es mir überhaupt nicht gelingt? Wenn ich da nur Müll produziere? Wenn ich mich nach wenigen Monaten auf dieser freien Bühne zurücksehne in die Sicherheit der vertrauten Bahnen?

Niemand hindert mich daran. Ein Anruf bei meiner Agentin, bei meiner Lektorin, und ich darf mir wieder etwas ausdenken, das sich in ein Schema drücken lässt. Auch an dem Schreiben hätte ich viel Freude, was eben auch daran liegt, dass ich zwar nicht uneingeschränkt tun darf, was ich will. Das aber auch in dem Fall gar nicht schlimm ist, weil ich Menschen um mich habe, die sehr gut wissen, was ich kann und womit ich glücklich bin. Ich habe das nie so formuliert, aber für mich ist die Zusammenarbeit mit diesem einen Verlag und den Menschen, die dort am anderen Ende sitzen, inzwischen eine Partnerschaft. Eh klar – das ist nicht überall so, das ist schon Glück. Erst letztens ergab eine Umfrage, dass ein Drittel der deutschen Autoren mit ihrem Verlag nicht zufrieden sind.
(sie sind vermutlich auch oft nicht zufrieden, weil sie überzogene Erwartungen haben. Weil sie den Markt zwar kennen, aber insgeheim immer hoffen, dass es bei ihnen dann doch bitteschön anders laufen dürfte als sonst überall. Man muss ja schon an sich selbst glauben, dann sollen andere das gefälligst auch tun.)

Ich glaub an mich. Ich weiß, das Leben stellt mich vor Entscheidungen, und ich darf wählen. Aktiv und bewusst. Das ist ein Geschenk. Und ich nehme das Geschenk in diesem Fall mit großer Dankbarkeit an. Sieh an, du bist jetzt frei. Schreib, wonach dir der Sinn steht. Und schon ist sie da, die große, ganz große Geschichte, vor der ich immer Angst hatte, sie zu erzählen.

Wann, wenn nicht jetzt?
Ich vergeb mir nichts, ich kann immer noch zurück.
Ich würd’s nur bereuen, wenn ich es nicht wenigstens versuche.

Und darum, ja. Darum bin ich schon traurig, weil ich ein sicheres Terrain verlasse nach diesem Buch. Aber ich bin auch aufgeregt. Da kommt etwas völlig Neues auf mich zu! Und ich hab es selbst in der Hand!

Bookporn – die Liebe zu schönen Büchern

Wenn das e-Book eins für mich geschafft hat, dann: ich gehe mit einem völlig anderen, sehr liebevollen Blick an Bücher heran. Also, an Bücher. Sicherlich, auch für mich haben e-Books ihre Daseinsberechtigung, aber Bücher – schöne Bücher – werde ich auch weiterhin in meinem Regal stehen haben wollen. Weshalb ich immer wieder leise sabbernd vor den Buchausgaben der Büchergilde Gutenberg stehe, wenn ich mal in Regensburg bei Dombrowski reinstolpere (hier zum Beispiel hat Hr. Buddenbohm sehr beeindruckend zusammengefasst, warum Raymond Chandlers “Der große Schlaf” in der Ausgabe der Büchergilde einfach nur wow ist – klicken und ins Buch verlieben! Das ist große Buchkunst!). Für mich hat alles seine Berechtigung – die große Buchkunst ebenso wie die Hardcover und Taschenbücher der großen und kleinen Verlage da draußen, und natürlich auch die e-Books. Schaue ich mir meine Verlagsabrechnungen an, weiß ich jedenfalls, dass das e-Book zwar gut läuft – und das ist gut so -, dass es aber eben nicht vermag, dem Buch den Rang abzulaufen. Das finde ich schön. Für mich ist nämlich nichts schlimmer als ein Haus ohne Bücher.

Und jetzt habe ich was entdeckt. Und mich spontan sehr heftig verliebt. Es gibt bei Penguin eine neue Buchreihe, die Penguin Drop Caps. Eine Reihe Klassiker, der Großteil im englischen Original, manche erst ins Englische übertragen, und sie spazieren sortiert nach dem Namen des Autors durchs Alphabet. A für Austen, B für Bronte, D für Dickens … Ach. Ich lass einfach die Bücher für sich sprechen:
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Seht ihr, was ich meine? Dieses Konzept, und dann diese Typographie! Neben Bookporn bin ich ja auch ein absoluter Fan von Typographie, ich könnte mich tagelang durch Listen von Fonts klicken, und ich kenne mindestens eine Person, der geht es genauso. Also hier, schaut mal. Verantwortlich für diese wunderwunderschönen Bücher ist nämlich Jessica Hische, und ich finde, sie hat das großartig hinbekommen. Mehr davon, bitte!

Oder nein: ich kauf die einfach alle, nach und nach. Ich kann nicht anders! Ist ohnehin mal eine interessante Frage, ob ich Klassiker auch auf Englisch lesen kann. Ich lese so gerne Klassiker, aber bisher habe ich mich nicht herangetraut. Wieso eigentlich nicht?

Los geht’s also mit A – Pride and Prejudice“>Jane Austen, Pride And Prejudice. Und sagt mir jetzt nicht, ich zieh in sechs Wochen um, ich soll gefälligst mit dem Bücherkaufen aufhören. Das! Ist! Kein! Grund!

Vielleicht habe ich einfach mit dem Lesen der Klassiker auf Englisch gewartet, bis es das hier gab:
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(die Reihe wird übrigens fortgesetzt, und ich bin schon sehr gespannt!)

Ich höre auf. Sagte ich.

Und ich lachte mit den anderen. “Das halte ich eh nicht durch”, sagte ich. Zu meiner Agentin, meiner Lektorin und auch zu meinen Schreibfreundinnen, Gefährtinnen auf diesem Weg seit vielen Jahren. Ich erzählte es aber so ziemlich jedem, für den es wichtig sein könnte – meinem Mann, meiner Mutter, meinen besten Freunden: ich hör auf mit dem Schreiben. Dieses Buch da, das ich schreibe, ist das letzte.

Ich hab’s natürlich falsch angefangen. Ich sagte: “Das ist vorerst das letzte Buch, das ich schreibe. Mal sehen, was danach kommt.” Womit ich im Grunde wieder mal den Staudamm öffnete, durch den seither in einem zunehmenden Strom die Ideen sprudeln.

Ich wollte mir bewusst eine Pause gönnen. Eine Pause von dem Rhythmus, den ich in den letzten Jahren gelebt habe: Exposé schreiben, eventuell noch eine Leseprobe, Vertrag abschließen, Buch ein halbes oder ein Jahr später schreiben, nachdem ich zwischendurch schon ein, zwei andere Bücher geschrieben hatte. Und von vorne, immer so weiter. Das war sehr angenehm, ich hatte das Glück, mit wunderbaren Verlagen und Verlagsmenschen zusammenarbeiten zu dürfen. Die mir Freiheiten ließen, die auf mich und mein Gespür vertrauten, aber auch ihr eigenes Gespür mit einbrachten zum Wohl des Buchs, das ich da ersann. Insgesamt kann ich also sagen: Diese Zusammenarbeit war in den letzten Jahren sehr fruchtbar. Sehr freundlich, schon freundschaftlich geprägt auf allen Seiten.

Wieso ich da nicht einfach weitermache? Wieso ich nicht den nächsten Vertrag schließe, das nächste Buch schreibe, wieso ich diese sichere Position aufgebe?

Weil ich meine Freiheit zurückerlangen will. Ich kann diese Art zu schreiben jedem empfehlen. Wenn das Umfeld stimmt, macht es Spaß – und das Umfeld stimmte! Ich habe also nicht aus Frust wegen mieser Verkauszahlen diese Entscheidung getroffen oder weil ich unzufrieden bin. Ich habe diese Entscheidung getroffen, ganz bewusst, weil ich mich nach dem Spielerischen sehne. Nach dem großen Zweifel. Nach der Unsicherheit, die mich zu Höchstform anspornen wird. Wenn ich ein Buch schreibe, gebe ich immer mein Bestes. Aber es ist ein Unterschied, ob ich mein Bestes gebe und schon genau weiß, was es mir “bringt” (nicht bloß in finanzieller Hinsicht) – in Bezug auf Zufriedenheit, Spaß, Sicherheit und so fort – oder ob ich mich ins kalte Wasser der Ungewissheit werfe. Ob ich kämpfen muss, ob ich mit meinen Zweifeln ringen muss. Ich glaube, dieses Schreiben ohne Vertrag ohne Sicherheit und ohne eine Ahnung, ob das, was da überhaupt aus mir hervorbricht, in meinem Verlag oder irgendeinem Verlag Begeisterung auslöst oder nur ein müdes “ach, naja … Schauen Sie sich doch mal woanders um …” – das wird das hervorbringen, wozu ich in den letzten Jahren nicht in der Lage war.

Weil es bequem war. Sicher. Berechenbar.

Ich wähle die Unsicherheit. Ich wähle den Sturm, die unruhige See, ich wähle das volle Programm von Euphorie über einzelne Sätze bis hin zu Phasen tiefer Verzweiflung, weil mein Verstand nicht die Worte hervorzubringen vermag, die ich für die Geschichte brauche, die ich erzählen will. Ich werfe all meinen Mut in diese neue Lebensphase. Ich weiß, was mich erwartet. Ich werde mit mir hadern, ich werde all meine Wut gegen mein Unvermögen richten, mich zur Höchstleistung anspornen, ich werde gegen das Gefühl kämpfen, dass das doch eh niemanden interessiert, was ich da schreibe (was ja durchaus der Fall sein kann!), ich lebe mit dem Risiko, etwas Unverkäufliches zu schreiben, das kein Verlag anpacken mag. Ich setze alles aufs Spiel.

Vielleicht musste ich mir in meinem Nest als Schriftstellerin erst die Sicherheit erarbeiten (denn das habe ich geschafft), um jetzt etwas ganz Neues zu beginnen. Ich will nicht sagen, dass ich mich neu erfinde, bloß nicht! Aber ich stelle mich noch einmal dem, wovor ich mich immer gefürchtet habe.

Meine größte Angst war bisher, irgendwann ohne Vertrag dazustehen und nicht zu wissen, was ich als nächstes schreiben “darf”.

Jetzt ist mein größtes Geschenk, dass ich schreibe, was mich drängt, was in mir brennt. Früher war es für mich die größte Herausforderung, das erste, das eine Buch fertig zu schreiben, mit dem ich den ersten Vertrag bei einem Publikumsverlag bekommen würde. Nachdem das geschafft war, entwickelte es sich. Es war – bei allen Hindernissen und Rückschlägen, die es immer gibt – recht leicht. Es ging immer so weiter. Und ich weiß, wenn ich Montag meine Agentin anrufe und ihr sage, ich will so weitermachen wie bisher, dann wird sie das tragen. So wie sie jetzt meine Entscheidung mitträgt, nicht mehr zu schreiben. Beziehungsweise, ja: doch zu schreiben. Aber mit ungewissem Ausgang.

Komischerweise schreckt mich das nicht. Komischerweise bin ich überzeugt, dass das, was ich da schreiben werde, gut wird. Und dass es zu den Lesern findet.

Ich höre auf, sagte ich.
Dabei ist das eigentlich erst der Anfang.

[...]

[...]
An einem der ersten Apriltage zog sie wieder ein, die Nachbarin von 5a. Schon über Ostern hatte ihr Auto immer auf dem Parkplatz gestanden, und wir schauten hinaus aus unseren Küchenfenstern, und jeder dachte sich seinen Teil. Dass es wieder um den Unterhalt ginge, dass sie sich nach den Kindern sehnte und mit ihnen im leise verschneiten, winzigen Garten die bunten Eier suchen wollte, um den beiden Jungs ein Gefühl von Normalität zu geben. Obwohl das gerade der falsche Ansatz war, wir wussten es doch alle besser.
Nun war sie wieder da. Die Kinder schleppten fröhlich Kartons von dem alten Bulli zum Haus, die Tür stand weit offen, und jemand hatte den Terracottamops wieder hingestellt – er gehörte also doch ihr und nicht ihm! – und es herrschte eine ausgelassene Stimmung, wie zu einem Kindergeburtstag.
Wir ließen uns davon anstecken, einerseits von der Fröhlichkeit, aber auch von der offenen Haustür; jeder hatte plötzlich was im winzigen Vorgarten zu tun, bei der Einen musste gefegt werden, die Andere hängte einen Kranz an die Tür, und wir nickten uns verschwörerisch zu und versuchten auszuknobeln, wer denn nun den Mut hätte, rüberzugehen und sie zu fragen, erst nach einer Tasse Zucker und dann, ob sie wieder da war und wo sie denn all die Monate gesteckt habe. Wir hätten sie vermisst, das könnte man sagen und sich auch kurz einbilden, dass man es wirklich so meinte. Bis die Neugier befriedigt war, bis die Türen wieder zuklappten und jeder im Haus verschwand, das ihm gehörte.
[...]

Ostersonntag.

Hier sollte eigentlich jetzt eine kleine Abhandlung stehen darüber, wie es ist, wenn man sich selbst besiegt. Wenn man die seelischen Verwerfungen überwindet, wenn man sich in die Arbeit wirft und damit dieses innere Beben befriedet.

Passiert ist das Gegenteil. Ein elender Tag liegt hinter mir, an dem ich mich vom Bett aufs Sofa schleppte, vom Sofa ins Bett. An dem ich ein wenig las, viel und oft erschöpft die Augen schloss, in Gedanken die zahlreichen Dinge durchging, die ich für die kommende Woche auf die Tagesordnung gesetzt habe. Um nicht vollends verrückt zu werden. Und zugleich das Gefühl, dass es unmöglich ist, alles zu schaffen.

Also alles wie immer. Nur mit wehem Herzen obendrauf.

Und dann ist es still.

Du hältst inne und versuchst, die Stille zu begreifen, aber manches kann man eben nicht begreifen.
Manche Menschen gehen, und du hältst sie nicht davon ab, weil euch nicht mehr genug verbindet, oder weil es nicht die Kraft des Einen kosten darf, während der Andere sich nur zurücklehnt.
Andere Menschen kommen dafür hinzu. Sie vermögen, die alte Stille nicht auszulöschen, aber wenigstens spürst du dann nicht vordergründig, was du verloren hast. Der Schmerz tritt in den Hintergrund, und da kann er dann leise vor sich hin schmerzen, bis er mit dem Hintergrundrauschen verschmilzt.
Alles ist gut, denn das Leben ist in Bewegung. Und die Bewegungen der letzten Monate waren richtig und wichtig. Die meisten Stimmen, die bisher in diesem Leben waren, gewannen an Kraft. Und manche Stimme ist eben verstummt – vielleicht, weil sie ohnehin nicht mehr gehört werden. Weil sie gesagt hat, was sie zu sagen hatte. Weil es damals richtig war, genau das zu hören, um sich vor Fehlern zu bewahren.
Die Elster sagt, irgendwann haben manche Freundschaften einfach ihr Karma verbrannt. Vielleicht ist es genau das. Karma verbrannt, und leises Bedauern ist da, doch nicht dieser trotzige, wehrige Zorn, den ich früher immer aufbrachte, wenn Freundschaften zerbrachen. Denn ja, die zerbrachen eben, mit großem Getöse. Das hier ging ganz leise zu Ende, über viele Monate und vielleicht schon Jahre davor. Ist das schlecht? Ist das schlimm? Oder lerne ich auch daraus wieder etwas – nämlich, dass man auf sich selbst hören sollte, ehe es dann vollends zur Anstrengung wird?
Jahre, vielleicht Jahrzehnte war da jemand, sehr dicht bei dir. Und jetzt hast du die Distanz, dass es nicht mehr so wäre wie früher.
Muss es das denn? Würde es nicht genügen, sich einfach mal wieder an einen Tisch zu setzen und zu reden?
Vermutlich sind wir uns einfach zu fremd, um einander noch zu vertrauen. Vielleicht ist zu viel passiert, seit man das letzte wirklich innige Gespräch hatte führen können.
Aber ist deshalb alles Karma verbrannt? Ist da nicht noch etwas, das man nutzen kann? Alles vorbei? Oder Zeit für einen Neuanfang? Denn so weitermachen wie bisher – das kann zumindest ich nicht.