Als wäre ich wieder achtzehn …

Okay, ich geb’s zu – irgendwann kommt man an den Punkt, dass man nicht noch mal achtzehn sein will. So vieles war damals irgendwie verquer und anstrengend, man wusste ja noch nicht, wohin es einen treibt, man hatte nur Träume und Vorstellungen. Vielleicht ahnte man schon, dass sich manches davon nicht so einfach in die Tat würde umsetzen lassen. So vieles lag im Dunkeln. Oder man redete sich eine Weile erfolgreich ein, dass die Welt nur auf die eigene Stimme gewartet hat.

Aus jener Zeit ist mir noch lebhaft eines in Erinnerung: wie ich gelesen habe. Als gäbe es kein Morgen, sondern nur noch dieses eine Buch, das dann das nächste bedingt, eine Perlenschnur von Lese-Erlebnissen, die ich rückblickend gar nicht mehr in die Form bekomme. Da war nur dieses eine Gefühl von Selbstvergessenheit und Offenheit, und jedes Buch war das richtige. Ich las nicht, weil ich eine Art Lektüreliste abarbeiten wollte, sondern ich las, weil diese Bücher etwas in mir anrührten. Etwas, das schmerzte und heilte zugleich.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der anderen Seite des Lesens. Dort, wo man liest, um zu vergessen. Sich selbst, das eigene Elend, dieses Ziepen irgendwo neben dem Herzen. Es durfte bloß nicht zu viel von mir verlangen, nicht zu tief unter diese viel zu dünne Haut gehen. Seicht, leicht, kuschelig. So wollte ich lesen und so wollte ich schreiben. Beides funktioniert jetzt plötzlich nicht mehr, weil meine Sinne langsam aufwachen. Ich weiß nicht mal, woran das liegt, aber wer bin ich denn, das alles zu hinterfragen? (vielleicht ist es das beständige Versuchen, das es besser macht. Jetzt dann doch.)

Jetzt lese ich, weil ich hungrig bin. Und mit dem Lesen kehrt das Schreiben zurück. Anders. Lebhafter. Gieriger. Ich produziere Text um Text, bin kritischer als zuvor (was mal so gar nicht ist wie damals mit achtzehn, als ja alles vor Genialität gefunkelt hat) und forme jeden Satz, ohne ihn in Stein zu meißeln. Es ist anstrengend; nach zwei Stunden am Abend bin ich völlig ausgelaugt.

Und dann gehe ich ins Bett, falle in fremde Welten und lausche fremden Stimmen in meinem Kopf und bin verzaubert. Es macht etwas mit mir. Macht mich wacher, lichter, lässt mich innehalten und glücklich seufzen. Jawohl, glücklich. Und die Liste der Bücher, die ich noch lesen will und wieder lesen will, wird länger und länger. So wie damals, als jedes Buch, jede Welt für sich mich vor Neid erblassen ließ.

Und jetzt? Ich bin froh, wieder wie damals zu lesen, so offen und neugierig. Mehr nicht. Eine alte Fähigkeit, von der ich nicht wusste, dass ich sie noch besitze.

Allein unterwegs. (mit Übernachtung!)

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Irgendwann muss man wieder „vor die Tür“. Die ersten Schritte habe ich ja recht früh getan – zehn Tage nach der Geburt wurden wir von Freunden zum Waffeln essen eingeladen. Das erste Mal das Gefühl, in der Trauer angenommen zu werden. Aber jemine, das ist schon lange her. Vier Monate später wurde es dann irgendwie auch wieder Zeit, richtig unterwegs zu sein. So mit Übernachtung und so.

Im November waren wir ein paar Tage am Meer, so richtig zählte das aber auch nicht, weil es mir vor allem darum ging, allein unterwegs zu sein. Nur auf mich gestellt sein, okay, nicht ganz, aber zumindest so, dass ich unterwegs allein bin. Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben.

Ich will’s kurz machen und gar nicht spannend: ja, ich hab das geschafft. Ja, ich hab mich Mittwoch früh morgens in den Zug gesetzt und bin durch halb Deutschland gefahren. Ja, ich bin auf bekannten Bahnhöfen umgestiegen, saß fremden Menschen gegenüber, übersetzte ein bisschen vor mich hin und guckte aus dem Fenster. Es ging mir dabei nicht besser oder schlechter als zu Hause. Es ging mir nur anders als die vielen, vielen Male zuvor, wenn ich diese oder eine ähnliche Reise antrat. Ich war gelassener. Ich spürte, wie wenig überhaupt an mich rankommt von diesen ganzen negativen Strömungen, die mich sonst beeinflussen. Wie dick mein Fell ist, ohne dass die hochempfindliche Wahrnehmung darunter gelitten hat. Ich registriere alles, doch ich lasse mich davon nicht runterziehen; Dinge, die mich früher beunruhigt hatten, schafften das nicht mehr.

Ich war nicht lange weg; eine Übernachtung, zwei Tage. Und natürlich, ich kehre immer wieder gern nach Hause zurück, schleiche auf Zehenspitzen ins Häuschen und gebe dem Liebsten einen Kuss, der beim Warten auf mich eingeschlafen ist auf dem Sofa. Danach geht’s weiter wie zuvor und alles ist gut – aber irgendwie ist es auch besser. Ich war unterwegs, es war wunderschön, es war geprägt von guten Gesprächen. Fortschritte. Da waren ganz viele, wunderbare Fortschritte.

Es darf so weitergehen – auch wenn ich weiß, dass es das vermutlich nicht immer wird.

Ich will. So sehr.

Die Angst ist immer noch da. Sie ist mein ständiger Begleiter. Die Angst, dass es uns ein zweites Mal passiert. Dass wir ein Kind bekommen und es verlieren, bevor wir unser Glück so recht haben fassen können.

Die Angst ist da, und ich weiß, sie wird nicht von meiner Seite weichen. Sie wird vom ersten Augenblick auf meiner Schulter hocken, sie wird mir alles mies machen, sie wird mir bei jedem Anzeichen, jedem Ziepen, jedem Zucken, bei jedem Nichtziepen, jedem Nichtzucken, jedem Krampf, jeder ruhigen Nacht, jedem Dies, jedem Das, sie wird mir permanent ins Ohr flüstern: „Denk dran, dass du sterblich bist. Denk dran, dass dein Glück sterblich ist. Denk dran, wie schnell es vorbei ist.“

Ich denk daran; manchmal denke ich an nichts anderes. Und trotzdem: der Wunsch ist größer. Der Wunsch, nicht mehr Herrin meines Körpers zu sein. Der Wunsch, zu spüren, dass jemand anderes das Regiment übernommen hat, dass es für neun Monate (bitte, bitte, bitte, ich will die volle Distanz, ich will das alles, ich will, ich will, ich will!) nicht allein um mich geht in diesem Körper. Der Wunsch ist da; um so mehr, da ich es erst vor kurzem wieder habe spüren dürfen. Ganz kurz nur, wie das Aufleuchten einer Sternschnuppe. Und dann wieder – vorbei. Aber diese wenigen Tage, in denen ich es erfahren durfte, in denen ich hoffen durfte – wie schön die waren! Wie sehr ich mir dieses Gefühl zurück wünsche, obwohl ich weiß, dass ich nicht ganz ich selbst bin.

Ich will so sehr. Hoffen dürfen, den Weg gehen, nicht bangen müssen, der Angst trotzig die Stirn bieten. Über sie siegen und dann, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, das erfahren dürfen, was uns bei Jacob verwehrt blieb.

Ich will’s so sehr und muss zugleich aufpassen, dass ich in meinem „ich will’s so sehr“ nicht völlig überdrehe. Wie schafft man das? Wie bleibt man locker, entspannt und voller Zuversicht, wenn man sich doch nur das wünscht, was das Schicksal einem bereits einmal so grausam entrissen hat?

Jahresrückblick 2014

Dieses Jahr mit Träne im Augenwinkel und trotzdem, trotzdem … hier ist er.

Zugenommen oder abgenommen?
Ich bin dieses Jahr so oft auf die Waage gestiegen wie lange nicht mehr. Und daher weiß ich: das waren zwischendurch etwas über 80 Kilo, da schob ich aber auch einen wunderschönen Bauch vor mir her. Inzwischen wieder ungefähr auf Vorschwangerschaftsniveau.

Haare länger oder kürzer?
Weiterhin gleichbleibend lang ohne sonderliche Zuwächse. (sic!)

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Wieder nicht geprüft, aber ich sollte mal wieder. Sagen wir so: ich sehe alles, was ich sehen will.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Deutlich weniger. Häuschen, Auto, Küche, etc. war ja samt und sonders im Jahr davor. Dafür aber auch weniger verdient.

Mehr bewegt oder weniger?
Langsam wieder mehr. Und für 2015 haben sich schon drei verschiedene Leute anerboten, regelmäßig mit mir schwimmen zu gehen. Yay!

Der hirnrissigste Plan
Es gab keinen. Punkt.

Die gefährlichste Unternehmung
Eltern werden. Darauf bereitet einen niemand vor, dass es einen so verändert. Und dann steht man mit leeren Händen da. Fürs Seelenheil ist das mehr als gefährlich, es kann dich einfach nur zerschmettern.

Die teuerste Anschaffung
Öh, öh, ÖH! Das Kind war teuer, aber das war keine „Anschaffung“, sondern eher das Drumherum. Und da, bitter, das allerteuerste: die Beerdigung mit allem Drum und Dran. Die anderen Sachen stehen jetzt auf dem Dachboden … (ja, ich weiß. Das klingt hart. Und das war es auch.)

Das leckerste Essen
Das Hochzeitstagsessen war sehr lecker und wunderbar.

Das beeindruckendste Buch
Wenn lesetechnisch gar nichts geht, rettet mich Hilary Mantel mit „Wölfe“. Ansonsten, leider: zu wenig gelesen.

Der ergreifendste Film
Interstellar.

Die beste CD
keine neuen CDs entdeckt … :-/

Das schönste Konzert
Keine Konzerte dieses Jahr …

Die meiste Zeit verbracht mit …
Darf ich sagen, dass ich die meiste Zeit sehr bewusst mit Jacob verbracht habe? Ich tu’s einfach. Und ich bin so dankbar. Wahrscheinlich, wenn man’s genau nimmt, führt eher der Liebste, aber egal. Die wichtigsten Menschen meines Lebens, alle beide. Das passt schon.

Die schönste Zeit verbracht mit …
Dem Liebsten. Jacob. Vorfreude.

Vorherrschendes Gefühl 2014
Ich bin Mutter.

2014 zum ersten Mal getan
Ein Kind geboren. Ein Kind begraben.

2014 nach langer Zeit wieder getan
Sauniert!

Worauf ich gut hätte verzichten können
Jene Zeit ab Ende August. Die Diagnose, den Schmerz, den Abschied. Dieses ganze, riesige, schwarze Wolkenknäuel, das jetzt für immer in meinem Leben hängt, das ich nie werde abschütteln können, das ein Teil von mir ist, das ich umarmen muss, weil irgendwo mitten drin all die wunderschönen, viel zu spärlichen und kurzen Erinnerungen an Jacob hängen.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte
Eigentlich kann ich es euch nur zeigen und nicht überzeugen. Das nämlich: ich lebe damit. Und ich will hoffen dürfen auf ein zweites Wunder.

Die wichtigste Sache, von der mich jemand überzeugen wollte
Schreib darüber. (und ich tu’s.)

2014 war mit einem Wort:
Brutal.

Jacobs Geburtstag

Heute oder gestern, die Gelehrten streiten sich, wäre Jacobs Geburtstag gewesen. Oder auch der offizielle Termin, an den sich Babys sowieso nicht halten.

Ich habe die Rauhnächte schon immer geliebt, jene Zeit zwischen Weihnachten und 6. Januar. Und besonders die Tage zwischen Weihnachten und Silvester. Wie passend es mir vorkam, dass unser Sohn sich diesen Zeitraum ausgesucht hatte, um zu uns zu kommen!

Das Schicksal wollte es anders. Trotzdem möchte ich Jacobs Geburtstag feiern. Den 28. Dezember werden wir zukünftig irgendwie begehen. Ich weiß noch nicht wie; denn ja, wie feiert man den „anderen“ Geburtstag des Kindes, das an seinem „einen“ Geburtstag auch gestorben ist?

Die kommenden Jahre werden uns Traditionen bringen, die wir dann bewahren können. Für die Erinnerung. Für uns. Für dieses kleine Menschenkind, das wir für immer im Herzen bewahren werden. Kleiner Jacob, du fehlst uns sehr. Aber wir sind froh, dass du bei uns warst.

Die Angst vor der Trauer.

Ich treffe mich mit einer Kollegin zum Mittagessen, und während wir essen, kommen mir die Tränen, weil sie mich nach unserem Sohn fragt. Sie schiebt mir Taschentücher über den Tisch und lässt mir ein paar Minuten Zeit, bis ich mich gefangen habe.

Mit meinen ältesten Freunden abends in einer Kneipe. Wir essen, wir reden, ich bin ein wenig neben der Spur, weil einer dieser Freunde uns im Krankenhaus besucht hat und sagte, es gehörte für ihn zum Bewegendsten, was er bisher erlebt hat – uns mit unserem Sohn zu sehen, so friedlich. Und ein anderer fragt, ob ich davon erzählen möchte, und ich sage: „Sehr gerne.“

Wir besuchen Freunde, und während das Essen im Ofen schmurgelt, stehen sie und ich in der Küche, die Männer reden im Wohnzimmer. Unser Gespräch gelangt bald schon an einen Punkt, da reden wir über Entscheidungen im Leben, über jene Momente, die alles auf den Kopf stellen und umdrehen. Und sie tröstet mich, weil ich mit all den anderen Menschen hadere, die mit unserer Trauer nicht umgehen können.

Diese drei Situationen – und es gab noch so viele mehr, so unendlich viele, und jede einzelne bewahre ich im Herzen, weil sie mir so, so, so viel geben! – stehen auf der einen Seite dessen, was ich in den letzten dreieinhalb Monaten erfahren habe. Sie sind Teil meines Heilungsprozesses, sie sind Teil meiner Trauerarbeit. Für mich ist es wichtig, darüber zu reden. Wichtig, dass mein Sohn nicht nur ein Kind ist, das eben zu früh geboren wurde und nur 13 Minuten lebte. Dass er nicht nur für uns als Familie in der Erinnerung lebendig bleibt, sondern dass eben auch Freunde ein winziges Bisschen teilhaben konnten an seinem Leben. Dass er Spuren hinterlassen hat. Das tröstet mich.

Es gibt aber auch die andere Seite. Die Menschen, die Angst vor Trauer haben. Keiner wechselt hier die Straßenseite; keiner ignoriert mich oder geht mir aus dem Weg. Oder, formulieren wir es anders: bei niemandem, der mir wichtig ist, habe ich das Gefühl, dass er nicht auf mich reagiert. Im ersten Moment war eine unendlich große Welle der Anteilnahme da. Ja, wirklich! Und zum Glück hat sich bisher auch keiner entblödet, uns zu sagen, dass wir ja noch viele Kinder haben werden, die, Gott bewahre, unseren Erstgeborenen ersetzen können. Oder ich erinnere mich nicht daran, das kann auch sein. Manchmal ist es ein Segen, selektiv zu sein.

Es läuft auf einer anderen Ebene ab. Verabredungen, die kurz vorher gekippt werden, teilweise mit nicht ganz nachvollziehbaren Gründen. Die ich aber akzeptiere. Weil ich die Angst akzeptiere. Oder Verabredungen, die ein bisschen umgemodelt werden, damit garantiert kein Platz für Gespräche über „dieses Thema“ ist. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Es passiert, und danach hört man von den Leuten erstmal nichts mehr. Wie gesagt: für mich ist das, nach längerem Nachdenken, okay. In den allermeisten Fällen sind es Menschen, die noch keinen großen Verlust erlitten haben. Die noch nicht erlebt haben, wie ein Elternteil starb. Die ihr Kind nicht zu Grabe tragen mussten. Diese Menschen – ich beneide sie ein bisschen, denn das Leben macht mir ein bisschen Angst, weil es immer Hand in Hand mit dem Tod herumstreift.

Auf der anderen Seite und an den schlechten Tagen regt mich das einfach nur irre auf. Himmel, wovor habt ihr Angst? Fürchtet ihr, mein Schmerz ist ansteckend? Denkt ihr, wenn ihr mit mir redet, breche ich in Tränen aus? Das tue ich tatsächlich (siehe oben), es passiert oft genug. Aber es passiert vor allem, weil ich in diesen Situationen erleichtert bin. Ich bin erleichtert, in meiner Trauer angenommen zu werden. Erleichtert, weil diese Menschen mich in den Arm nehmen, weil sie mir ein Taschentuch rüberschieben, weil sie nicht viel sagen (das müssen sie nämlich gar nicht), weil sie meine Trauer verstehen und keine Angst davor haben. Ja, weil sie mir in den ersten Tagen und Wochen den Kühlschrank und das Tiefkühlfach vollgeräumt haben, damit wir nicht verhungern, weil sie uns zum Essen eingeladen haben, weil sie zugehört haben. Weil sie die Fotos ansehen und selber weinen müssen. Weil das alles eben so verdammt traurig ist und ich dann wieder so verdammt, verdammt, verdammt froh, denn ich werde mit diesem Schmerz von manchen nicht wahrgenommen, einfach ausgeblendet, ignoriert. Dieser Schmerz, den ich selbst erst annehmen musste, wird von meinen Freunden eben auch angenommen – als ein Teil von mir, als Teil meines Lebens. Etwas, das mich immer begleiten wird. Nicht etwas, über das wir bis ans Ende aller Tage jetzt bitte immer und immer wieder reden müssen, das ist ja gar nicht nötig. Aber ich kann mich inzwischen nicht mehr mit jemandem an den Tisch setzen, der sich dafür offensichtlich nicht interessiert. Der nicht fragt, weil er meine Reaktion fürchtet, der nicht zuhört, wenn ich von meinem Sohn erzähle. Auch das wird sich irgendwann wieder ändern, aber im Moment ertrage ich es eben nicht. Ich bin auf jeden zugegangen, jeder hatte die Chance, das Gespräch mit mir zu suchen. Wer das bis heute nicht geschafft hat, kann mir an den schlechten Tagen gepflegt den Buckel runterrutschen und gestohlen bleiben. An den guten Tagen, okay, da sag ich mir: nächstes Jahr, irgendwann. Dann renkt sich das auch wieder ein, wenn ich etwas ruhiger bin. Ist vielleicht im Moment besser so, wie’s ist. Und wenn nicht – auch nicht schlimm.

„Ihr seid in eurer Trauerarbeit schon irre weit.“
Diesen Satz habe ich nicht nur einmal gehört. Ich habe ihn sehr, sehr oft gehört, weil wir in dieser schlimmsten aller Situationen einige Dinge richtig gemacht haben. Einige Entscheidungen getroffen haben, die in der Situation selbst nur intuitiv waren, die letztlich aber, rückblickend, wirklich gut waren. Trauerarbeit hieß: ihn loslassen. Es hieß auch: den Schmerz und die Trauer annehmen. Sich nicht davor fürchten, wenn sie wieder ihre Klauen in mein Herz und meinen Verstand schlägt, wenn sie mich niederreißt und ich ein paar Tage außer Gefecht bin. Das ist nicht schlimm, das ist Teil dieses Spiels, das wir Leben nennen.

Schlimm finde ich: die Augen davor verschließen. Sich davor zu fürchten, dass es irgendwann wieder so kommt. So wie sich jene Menschen, die noch nicht einen der großen Verluste erlitten haben (Eltern, Partner, Kind) so offensichtlich davor fürchten, dass die meisten den Umgang mit Trauernden einfach nicht schaffen. Und man sich als Trauernder von ihnen stigmatisiert fühlt. Da, die trauert. Die hat ihr Kind verloren, die kennt kein anderes Thema und kann grad nicht lachen.

Kann ich wohl. Über so viel Naivität.

Von der Trauer

Heute hat die Trauer mich gerissen. Wie ein wildes Tier hat sie mir aufgelauert, hat mich mit Schmerzen früh am Tag ins Bett getrieben, hat mich mit müden Knochen in die Matratze gedrückt. Ich hab mich fallen lassen, weil ich hoffte, nach zwei Stunden Schlaf wäre es irgendwie besser.

Ist es nicht. Die Trauer ist nicht „fort“, nur weil ich meinen Alltag bewältige und darin gar nicht so schlecht bin. Sie zieht sich nicht zurück, wenn ich einen Tag gut meistere, sie verschwindet nicht, wenn ich drei Tage, fünf, eine Woche oder zwei nicht weine. Die Trauer ist mein ständiger Begleiter, und sie wird es immer sein.

Die Kunst ist es, sie als Teil meines Lebens zu begreifen. Ihr ein kleines Plätzchen einzuräumen und ihr den Raum zu geben, den sie manchmal eben einfordert. Mich nicht von ihr regieren lassen, sondern sie eben als etwas zu erkennen, das immer dazugehören wird. Wenn jemand sagt, ich werde noch viele Kinder haben (was Gott sei Dank nur sehr, sehr, sehr wenige Menschen bisher getan haben, denn ich finde den Satz so so so schlimm!), denke ich immer: ja. Vielleicht. (Vielleicht auch nicht, das denke ich an schlechten Tagen sehr viel häufiger.) Aber kein Kind wird wie Jacob sein. Kein Kind wird ihn mir „ersetzen“ oder den Schmerz lindern können, den sein Verlust mir zugefügt hat.

Das muss ich verinnerlichen. Begreifen. Damit muss ich leben. Und das bringt einem keiner bei, das soll man sich irgendwie selbst aneignen, wenn es so weit ist. Und bitte von heut‘ auf morgen, denn keiner begreift, dass es nach vier Wochen noch genauso schlimm ist wie nach zehn Sekunden. Oder drei Jahren.

Die Mohnkuchen-Therapie.

„Magst du Mohnkuchen?“

Ich mag und machte mich deshalb – mitten im tiefsten Jammertal – Mittwochmorgen auf den Weg zu einem Mohnkuchen-mit-Kaffee-Date eine Stadt weiter. Ich. Im tiefsten Jammertal. Das muss man sich mal vorstellen. Früher hätte meine Reaktion darin bestanden, leise „mimimi“ zu nölen – ist ja ein nettes Angebot, aber nicht jetzt, nicht so. Ich wäre bestimmt keine gute Gesellschaft, das wäre meine Ausrede gewesen.

Jetzt springe ich einfach, wenn so ein liebes Angebot kommt. Da backt jemand Mohnkuchen, kredenzt mir selbigen zum Frühstück, dazu einen sehr leckeren Latte Macchiato. Und ich darf stricken, das wurde vorher ausdrücklich betont, dass Handarbeiten doch so schön beruhigend ist.

Lange Rede – es war schön. Genau das Richtige für mich im tiefsten Jammertal. Und hat von vorn bis hinten wunderbar geklappt – inklusive „kein Knöllchen“, obwohl ich meine Parkzeit hoffnungslos überzogen habe. War halt grad so schön. Da wollte ich nicht weg, weil die Parkzeit abgelaufen war. Es ging nicht mal hauptsächlich ums Schreiben, sondern um viele andere, sehr schöne Themen.

Und was soll ich sagen? Die Mohnkuchen-Therapie wirkt. Macht ruhiger, fröhlicher und irgendwie gibt’s auch den Blick wieder frei auf das, was zählt. Das Gefühl von „leer geschrieben“ macht Platz für die Erkenntnis, dass nicht ich diejenige bin, die leergeschrieben ist, sondern dass es der Markt mit seinen Anforderungen ist, der mich krank macht. Verlage, die genaue Vorstellungen von dem haben, was sie von mir wollen – und die dann das, was ich machen *will* – sehr unbedingt will, übrigens! – allen Beteuerungen und Treuebekundungen zum Trotz nicht machen, weil „der Markt es nicht hergibt“. Das ist die Realität. Und die Realität kotzt mich an.

Einen Ausweg habe ich noch nicht gefunden. Aber vielleicht ist das, was ich die letzten 12 Monate gedacht habe – dass ich wirklich ohne Rücksicht auf Verluste oder irgendwelche Marktansprüche schreiben will – nicht nur der nächste logische Schritt. Sondern ich muss mich davon befreien, es allen recht machen zu wollen. Das klappt nämlich nicht. Ich mach jetzt das, was ich immer wollte. Und ich glaube, dafür bietet sich eine sehr alte Geschichte an; eine, die ich seit knapp acht Jahren schreiben will. Die mir immer noch unter der Haut brennt, ohne die ich nicht vorankommen werde. Sie muss geschrieben werden.

Vielleicht mache ich das einfach. Gegen die Angst anschreiben, dass mir die Geschichte entgleitet, wie sie es vorher immer tat, wenn ich sie anpackte. Die Angst war immer, dem Stoff nicht gewachsen zu sein. Oder keinen Verlag dafür zu finden. Oder mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein. Ist jetzt alles egal. Der Stoff taugt, er geht tief unter die Haut. Bei mir. Die Hauptsache.

Natürlich war ich nicht leergeschrieben. Nur bin ich eben an dem Punkt, nicht mehr dem Markt gehorchen zu wollen und zu können – und das heißt eben auch, dass ein paar unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen.

Das alles wegen ein bisschen Mohnkuchen? Ach nein. Aber der hat schon geholfen.

Leer geschrieben.

Oder war da nie etwas?

Meine innere Stimme ist verstummt. Die, auf die ich mich immer so stilsicher hab verlassen können, die mich antrieb und dorthin brachte, wo ich heute bin. Zurück bleibt Ratlosigkeit und eine gehörige Portion Trauer. Wut natürlich auch, die von der „nicht wahrhaben wollen“-Sorte, obwohl ich weiß, dass es wohl so ist.

Kann man das verlernen? Ich dachte immer, dieses Sein als Schriftstellerin ist wie eine dünne Haut, die mich vor dem Rest der Welt beschützt. Die so dünn ist, dass andere sie nicht sehen, solange ich sie nicht so sehr an mich heranlasse, dass sie erschrecken, weil ich darunter eben verletzlich bin. Nicht diese starke Persönlichkeit, sondern immer noch verunsichert, erschöpft und traurig. Was bin ich dann ohne mein Schreiben? Ohne die Worte, in die ich mich wie in einen Kokon hülle? Ohne die Geschichten, die ich um mich spinne?

Vieles erschöpft mich schneller als früher. Bei vielem zweifle ich, ob es richtig ist. Aber beim Schreiben kam mir dieses Gefühl nie abhanden. Dieses „es tun müssen“, diese Gewissheit, dass es für mich zählt. Dass ich damit meine Kunstform gefunden habe.

Das ist keine Schreibblockade. Damit kenne ich mich aus, das ist ein Witz dagegen, meist ein dramaturgisch motivierter. Nein, es ist etwas finstres, das mich nicht das tun lässt, was vielleicht gut und richtig wäre. Ich bin verstummt, und was von mir bleibt, ist nicht mal eine leere Hülle, sondern nur – Leere. Nicht mal adäquat beschreiben kann ich es, weil mir alles abhanden kommt. Ich bin nicht mehr die, die jedes Jahr drei Bücher schreibt. Ich bin die, die nachts im Bett sitzt, hellwach und im Dunkeln lauschend, ob die Geschichten zu mir kommen. Sie sind da, aber meine Stimme kann sie nicht mehr in die Form bringen, die meinem eigenen Anspruch genügt. Und so drehe mich im Kreis, denke darüber nach, wenn ich nicht mehr nur dieses Jahr Pause mache, sondern wenn ich nie mehr Bücher schreibe. Wenn ich nie mehr veröffentliche. Wenn ich nie mehr was zu sagen habe.

Hab ich etwa schon alles gesagt?