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Man glaubt ja gar nicht, wie schnell so ein Jahr vergeht. Wie es sich ins Dunkel hüllt und doch nicht zulässt, dass du dich ganz darin vergräbst.

Das war ein schlimmes Jahr. Ein trauriges. In dem aber auch Platz war für das Gute, Schöne, für den Blick nach vorne, für viele wehmütige Blicke zurück. Ein nachdenkliches Jahr. Es gibt Tage im Jahr, die werden immer mit etwas behaftet sein, das schmerzt. So ein Tag ist heute.

Und auch wenn der Schmerz sich von den Tagen danach leise zudecken ließ wie von Schneeflocken in den vergangenen zwölf Monaten, ist dieser Schmerz irgendwie nicht ganz fort. Oder doch, er ist nur anders.

Und so werden auch die Menschen nie ganz fort sein, die wir lieben. Weil wir uns erinnern. Weil wir diese Erinnerungen teilen. Mit einem wehmütigen Lächeln oder sogar mit einem Lachen im Herzen. Weil wir gewusst hätten: so wär’s ihm recht gewesen.

Und wenn man dann zurückschaut, ist in diesem einen Jahr doch mehr passiert. Nicht nur Dunkelheit. Viel Licht. Und auch dieses erste Jahr danach, das man nie vergisst, wird irgendwann wieder licht. Irgendwann wird etwas, das so unbegreiflich schien, begreifbar.

Es geht weiter. Und man lernt, mit dieser Lücke zu leben. Sie ist da, sie tut nicht weh. Sie gehört zu mir, und sie verändert alles.

Das erste Jahr ist das schwerste. Ich unterschreib das einfach mal.

Du fehlst.

Laufen!

Wie gut das Laufen tut.

Das ist nicht neu, und doch – wenn ich da so zweibisdreimal pro Woche meine Runde drehe, denke ich drüber nach, wie wertvoll diese Runde ist. Und während mich jene überholen, die nun mal schneller sind (weil sie das schon jahrelang machen, oder weil sie fünf Minuten später mit heraushängender Zunge am Baum hängen, ist da zweitrangig), ging mir heute was auf.

Mein Tempo. Das ist das Wichtige. Dass ich in allem mein Tempo beibehalte. Mich nicht von anderen hetzen lasse, mir kein fremdes Tempo aufdrücken lasse. Mich nicht verzweifelt daran klammere, mehr aus mir herauszuholen als möglich ist. Mich mit dem zufrieden zu geben, was ich erreiche – zumal das so viel mehr ist, als ich vor ein paar Jahren noch zu hoffen wagte.

Das gilt für so viele Lebensbereiche. Nicht nur für die Arbeit. Auch für die Kontaktpflege mit den Menschen, die mir am Herzen liegen. Für die Aufarbeitung irgendwelcher Baustellen, die seit Jahren brach lagen. Für das Stricken. Vor allem auch: für das Laufen.

Und wie schön, wenn man merkt: da geht noch was. Da ist noch Platz für mehr. Darum gilt beim Laufen bald: mehr! Einen Kilometer mehr zum Beispiel, das wäre viel für den Anfang, aber darauf habe ich Lust. Weil ich so schön auf Autopilot vor mich hintraben kann, die Musik mich irgendwann berührt (die eigentlich nur dazu dient, die Umwelt auszublenden), mehr als sie es ohne den Flow vermag. Flow ist ein gutes Stichwort. Der Flow beim Laufen ist gut für den Flow beim Schreiben.

Laufen ist so viel. Dass ich es erst seit zwei Monaten mache, ist irgendwie auch schade. Hätte ich das mal früher entdeckt!

Ein Bild oder tausend Worte?

Ich möchte mich bedanken. Bei Euch. Dass ich die Kategorie jetzt beschließen kann und dabei ein gutes Gefühl habe, hab ich zu einem Teil auch Euch zu verdanken. Ihr habt hier gelesen, kommentiert, habt mir privat Mut gemacht. Nicht nur ihr, auch viele andere Leute waren für mich da und haben mir die Entscheidung leichter gemacht.

Letztlich habe ich sie allein getroffen. Und heute alles Notwendige veranlasst. Muss noch zwei Mails schreiben, und dann … war’s das. Dann bin ich nicht mehr Studentin. Sondern “nur” noch das, was ich immer sein wollte. Schriftstellerin. Und Übersetzerin, aber das wollte ich nicht immer sein, sondern bin es neuerdings. Auch schön …

Ausgebrannt.

Es wird nicht besser. Mein Kopf fühlt sich an, als wollte er bei Gelegenheit platzen. Nicht, weil ich Schmerzen hätte, ach nein. Denen könnte man ja irgendwie Einhalt gebieten.

Vollgestopft mit unzähligen Gedanken und Überlegungen. Immer noch das Thema, und es nimmt kein Ende. Ich ringe mit mir. Ich fühle mich allein gelassen mit der Entscheidung, was letztlich auch richtig ist, denn zum Schluss muss ich es allein entscheiden. Ich habe die Zeit an der Uni sehr genossen, und sie hat mir auch viel gegeben. Heißt das, das war es jetzt?

Und da steh ich wieder und denke “keine Ahnung”. Wenn ich es anspreche, bekomme ich entweder ein Nicken oder eine so heftige Ablehnung, dass mir davon schlecht wird. Ich wünsche mir einen Ratgeber, der mit mir wirklich die Pro’s und Con’s betrachtet und nicht einfach nur schaut, was toll aussieht im Lebenslauf. Oder was vielleicht einfach zu Ende gebracht werden muss. Mir wird vorgeworfen, dass ich es jedes Mal zum Semesterende überlegt habe. Mir war’s nur nie so ernst wie dieses Mal, weil ich keine Freizeit mehr habe. Seit einem Jahr hatte ich einen Schreibauftrag nach dem nächsten, und nicht nur das: ich hatte auch einen Roman, der geschrieben werden wollte, ein Kinderbuch. Ein Krimi, der fast fertig ist. Das alles neben einem Studium. Nein, andersrum. Neben all dieser Arbeit habe ich studiert. Und noch zwei Bücher geschrieben. Möchte mal jemand überlegen, wie viel Arbeit das war?

Ich hatte keinen Urlaub. Wir sind nicht weggefahren. Es reicht nicht. Zeitlich. Ich fühle mich leer, ich möchte abschalten können. Sobald ich mir ein Buch greife und anfange zu lesen, fällt mir das Buch aus der Hand, ich schlafe ein. Ich kenne all diese Alarmzeichen meines Körpers. Ich weiß, hier stimmt was nicht, ich bin aus dem Takt geraten, es ist nicht so ein einfacher Vitaminmangel, den man mit den richtigen Präparaten wegzaubern kann. Und wenn ich dann das tun will, was mir gut tut – oder von dem ich glaube, dass es mir gut tun wird – und bereit bin, auf vieles deshalb zu verzichten – denn Rom wäre damit zumindest in der Konstellation nicht möglich – und all meine Versuche, darüber zu reden entweder niedergebügelt werden oder damit enden, dass ich heule – dann stimmt etwas nicht. Ich frage mich die ganze Zeit, was ich falsch mache. Die ganze Zeit suche ich die Schuld bei mir.

Dabei sollte ich mich am besten kennen. Oder?

Mein Sonntagabend.

XI. 1. Non expedit omnia uidere, omnia audire. Multae nos iniuriae transeant, ex quibus plerasque non accipit qui nescit. Non uis esse iracundus? Ne fueris coriosus. Qui inquirit quid in se dictum sit, qui malignos sermones etiam si secreto habiti sunt eruit se ipse inquietat. Quaedam interpretatio eo perducit ut uideantur iniuriae: itaque alia differenda sunt, alia deridenda, alia domanda.

Seneca, De ira, liber III

Uni – gestrichen.

Heute habe ich das getan, wozu mir mein nahes Umfeld – egal, mit wem ich rede – schon in den letzten Wochen immer wieder geraten hat. Ich habe meinen Stundenplan fürs nächste Semester auf zwei Tage zusammen gestrichen. Außerdem noch ein Blockseminar im Juni, insgesamt also nur fünf Veranstaltungen, und das sind ungefähr drei zu wenig. Warum? Einfache Sache.

Ziel war es immer, als Autorin Fuß zu fassen. Dass auch noch der Übersetzerjob hinzu gekommen ist und sich äußerst gut mit der Schreiberei vereinbaren lässt, ist nur die eine Seite. Außerdem habe ich nicht vor, das Studium aufzugeben, ich will es nur ein bisschen strecken. Es ist nicht zwingend notwendig, es zu Ende zu bringen – auch wenn ich das natürlich anstrebe – und dass ich es damals aufnahm, hing vor allem mit der unsicheren Situation zusammen, ob ich es schaffe, vom Schreiben leben zu können. Ich kann! Ich habe meine Auftragsarbeiten, meine Übersetzungen und den Historischen, der ab April wohl auf Reisen geht.

Und ich habe neue Projekte, die mir viel abverlangen werden. Mit der Entscheidung, wie sie ist, bin ich jetzt sehr zufrieden. Ich weiß nur nicht, wie ich das in zwei oder drei Wochen sehen werde.

Die Sonne wärmt.

Schön war es, heute Mittag in der Sonne. Mit Sandwich und Kaffee hatte ich es mir gemütlich gemacht, eine halbe Stunde Pause zwischen Übersetzung und Essay, ehe es wieder an die Arbeit ging. Zwischen kopierten Aufsätzen und Büchern wühlte ich mich durch meine beiden Quellentexte – verrückte Idee, die beiden zu vergleichen, aber dem Dozenten gefiel die Idee, und je länger ich drüber brüte, um so mehr gefällt auch mir die Idee, weil ich zumindest bei dem einen Text reichhaltige Sekundärliteratur gefunden habe. Beim anderen Text muss ich morgen wohl noch mal in die Zentralbibliothek, nach Zeitschriften suchen und meine Kopierkarte zum Glühen bringen. Und das alles für fünf Seiten, aber was tut man nicht alles. Und im Moment macht es Spaß und hat mich heute prima davon abgelenkt, dass die Mailbox still blieb und wohl auch still bleiben wird. Außerdem ist es die letzte Abwechslung, die ich mir gönne, bevor ich mich mit Seneca auseinandersetzen muss.

Was bin ich brav!

Heute Morgen schon – und das rechne ich mir hoch an – trotz fehlendem Internet sechs Seiten übersetzt (Pflicht für heute erfüllt! Kann noch mehr werden!), und auch schon eine Mail an eine Dozentin geschrieben. Es geht um das leidige Thema Praktikum.

Das Thema Praktikum ist eh ein Witz. Es soll vier Wochen lang sein, einen Bezug zum später angestrebten Beruf oder überhaupt zur Geschichte braucht’s nicht haben – Hauptsache, es ist irgendwie Arbeit. Es soll sogar reichen, vier Wochen in der Fabrik am Band zu stehen. Wichtig ist der Praktikumsbericht, den zu schreiben ich ja bereit wäre – schreiben kann ich ja. Aber dass ich nach sieben Jahren Buchhandel und als freiberufliche Schriftstellerin und Übersetzerin noch ein Praktikum absolvieren soll, um – wie es in der Studienordnung steht – Einblicke in das Berufsleben zu bekommen – finde ich eher schwierig, ehrlich gesagt. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass sich für mich eine Lösung auftut, bei der ich nicht vier Wochen meiner Lebenszeit verschwende. Zumal ich die Zeit im Sommer vermutlich gar nicht haben werde. Aber das ist ja mal eine andere Geschichte.

Okay, versuchen wir’s mal so.

Heute muss ich mal wieder viel, viel machen. Und schaut nur, wie viel:

- Aufsätze über Boccaccio und Thukydides lesen (der kommt halt morgen dran …)
- sechs Seiten übersetzen (das tägliche Pensum) => vier sind’s geworden
- schreiben drei Seiten und momentan kein Ende in Sicht

Ja, nein. Zeit verlieren geht grad’ nicht.