Family Heirloom. (38)

Es gibt Dinge, die hebt man auf, man gibt sie vielleicht irgendwann an die Kinder und Enkel weiter, weil sie schön sind. Weil sie einen Wert haben, der eben übers rein Materielle hinausgeht. Dinge, die zum Teil der Familiengeschichte werden, an die man sich gerne erinnert. Das können einfache Dinge sein, Bücher (!), es können Dinge sein, die geschenkt werden oder Dinge, die jemand selbst gemacht hat.

Heute zog in unseren Haushalt so ein Family Heirloom ein.
Schon vor gut zwei Jahren hat das Muttertier einen Quilt geplant, damals für Jacob. Sie hatte sogar schon den Stoff gekauft, bevor dann alles ganz anders kam und ich für meinen Sohn nur eine kleine Decke strickte, in aller Eile, die wir ihm mit auf die Reise gaben. Die beiden Tücher, die ich aus dem Rest strickte, gehören seither auch zu unseren Family Heirlooms.

Bei meiner zweiten Schwangerschaft habe ich lange gezögert, überhaupt etwas zu kaufen, und die Babydecke habe ich erst gestrickt, als ich im Mutterschutz war. Und auch da fiel es mir schwer. Babysachen kaufen? Puh! Und so ähnlich erging es wohl auch meiner Mutter, denn sie hat mit dem Quilt nicht vor der Geburt angefangen. Darum hat es eben ein bisschen länger gedauert – aber das Warten hat sich gelohnt.

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Besonders schön finde ich, dass sie Stoffe eingenäht hat, die schon eine „Bedeutung“ in der Familie haben. Der dünne cremefarbene Streifen? Unser Hochzeitsquilt. Die kleinen roten Blöcke? Ebenfalls. Die orangen Blöcke? Vom Hochzeitsquilt ihrer Tante. Der Hintergrund der Eule? Reste eines Quilts, den meine Mutter zu ihrem 50. genäht hat. Die Rückseite (von der ich kein Bild habe) ist ein Stoff, den sie damals schon für Jacob gekauft hatte.

Und ich finde diesen Quilt so wunderschön! Das Möttchen mag ihn auch sehr gern, sie hat den Nachmittag schon darauf eifrig geturnt.

Und zum Thema Familienerbstücke noch dies: Ihre Tante hatte die wunderbare Idee, das Babymädchen zukünftig mit Holzfiguren von den Buntspechten zu beschenken. Diese Idee finde ich sooo schön! Auch diese Figuren haben für mich das Zeug zu jenen wertvollen Dingen, die man immer schätzt und die ins Familiengedächtnis eingehen – kein Wunder also, dass das Thema gerade jetzt passt, es ist wieder eine dieser Synchronizitäten …

Ich habe ja schon insgeheim mit der Weihnachtskrippe dort geliebäugelt, aber heute bot mir meine Mutter auch noch die Krippe meiner Kindheit an … Family Heirloom, in der Tat!

Und morgen erzähle ich euch dann, welch gewaltiges Häkelprojekt ich vorhabe – und wie ich schon bei den Grundlagen das Internet leergoogeln muss, weil ich offenbar alles, was ich mal häkeln konnte, konsequent verlernt habe. Oder ich erzähle euch, wie grandios der King war, denn hurra – ich habe ihn ausgelesen!!!

Writing Mum.

Natürlich wirbelt so ein kleines Menschenkind das Leben gehörig durcheinander. Und natürlich ist danach nichts mehr so, wie es mal war.

Man arbeitet zum Beispiel ganz anders.

(und jetzt schimpft bitte nicht mit mir. Ich weiß, das heilige Wochenbett, da habe ich nichts anderes zu tun, als mein Kind zu kuscheln, es zu stillen, es in den Schlaf zu wiegen usw. Aber stellt euch vor: es gibt so zwei, drei Stunden am Tag, da möchte ich auch wieder die Schriftstellerin sein.)

Noch klau ich mir die Schreibstunden, die so kostbar sind. Morgens tut sich ein Zeitfenster auf, das Baby schläft, und ich sitze neben dem Laufstall am Esszimmertisch und tippe. Wenn sie wieder wach wird, ist diese wertvolle Schreibstunde vorbei, und ich darf ihr nicht nachheulen, denn ich hatte meine Chance. Und meist schaffe ich in dieser knappen Zeit auch das Pensum. Oder sogar mehr! Wie effektiv man doch wird, wenn man erst anfängt, auf Zeit zu schreiben. So ein Baby ist der beste Motivator, besser als jede App, besser als „write or die“, es ist in seinen Ansprüchen und Bedürfnissen (und der Erfüllung derselben) absolut gnadenlos.

Und es ist wunderbar. Außerdem, auch total wichtig für mich: ich habe das Gefühl, dass es machbar ist. Das Leben als Writing Mum, als Mutter und Schriftstellerin, mit meiner Arbeit, die ich so sehr liebe. Ohne die ich nicht sein kann, ohne die ich irgendwann eingehen würde. Ich erhasche einen kleinen Blick auf das, wie es sein könnte in Zukunft – wie es sein wird, so hoffe ich. Natürlich wird es nicht immer so sein. Natürlich wird es ein Spagat. Vereinbarkeit ist eine Lüge, irgendwas fällt immer hinten runter (und das wird, so zeichnet es sich hier gerade ab, bei mir nicht anders sein). Aber ich betrachte unsere Situation als privilegiert. Der Liebste mit einem unkündbar festen Job, der uns ein gutes Auskommen ermöglicht, selbst wenn ich ein Totalausfall werde. Und daneben meine Arbeit, meine Leidenschaft, mein Job, den ich nie ganz aufgeben möchte. Was ich auch nicht muss, denn ich kann von zu Hause arbeiten, ich kann jederzeit arbeiten (ja, kein Scheiß! Auch nachts!), und ich kann mich in erster Linie ums Kind kümmern, wenn das Kind es verlangt.

Luxus. Ich weiß, das ist absoluter, uneingeschränkter, beneidenswerter Luxus. Wir sind privilegiert. Wir haben das Glück, dass unser Leben die idealen Umstände bietet. Und ich bin unendlich dankbar dafür.

Und jetzt schnell noch zwei Seiten schreiben, bevor das Baby wach wird und wieder meine volle Aufmerksamkeit bekommt!

Emily.

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Manchmal muss man lange warten, bis sich ein Wunsch erfüllt – und manchmal kann man gar nicht glauben, dass er sich tatsächlich erfüllt hat. Kein Wunder also, dass ich die letzte Woche in einem Zustand des ungläubigen Staunens verbracht habe. Ich staunte, wie sie sich von mir beruhigen ließ, wie sie auf dem Arm ihres Vaters schlief, wie sie mit großen Augen ihre neue Welt betrachtete. Ich war völlig hingerissen (geile Hormone!), weil sie so hübsch ist (natürlich ist sie das hübscheste Baby der Welt!), und weil sie da ist. Das ist das Wichtigste. Sie ist endlich da.

Und dann passte auch noch alles so perfekt zusammen! Sie kam am ersten Urlaubstag ihres Vaters, dem Wunschtermin, wenn man so möchte, ein paar Tage vor dem, was immer als errechneter Termin genannt wurde. Schon Tage vorher war ich unruhig, genervt, ungeduldig, konnte mir nicht vorstellen, dass dieses Datum da in weiter Ferne (nämlich das heutige!) wirklich der Tag sein soll, an dem sie zu uns kommt; irgendwie hatte ich es in der Unruhe und im Gefühl, dass es nicht mehr so lange dauert. Zugleich aber passierte nix (hey, Vorwehen sind ja wohl nix!), höchstens bei spannenden Fußballspielen, und die hatte diese EM bisher nicht so reichlich.

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Und dann wachste morgens auf und spürst – jetzt. Das hier. Das wird der Tag sein, an dem sie zur Welt kommt. Und genau so passiert es dann.

Am späten Nachmittag waren wir wieder daheim. Ein Hoch auf die ambulante Geburt, vor allem ein Hoch auf die beiden Hebammen, die uns durch die Geburt geführt haben. Wir richteten uns zu Hause ein, starteten in das Leben als kleine Familie – und lernen mit jedem Tag mehr darüber, wer wir sind. Wer sie ist. Undenkbar, jemals ohne sie zu sein.

Hey, Junge Union – geht’s noch?!

Ich bin wütend. So richtig wütend. So wütend, dass ich heute mal all meine Zurückhaltung vergesse. Es gibt viele politische Themen, die mir schwer im Magen liegen, und manches kann ich auch ganz gut verdauen. Aber das hier empfinde ich als Hohn. Und das nicht nur wegen meiner eigenen Situation.

Der JU-Chef Paul Ziemiak fordert unter anderem eine Abgabe für Kinderlose. Egal ob verheiratet oder ledig, Single oder nicht – wer keine Kinder hat, soll dann doch bitte ein Prozent seines Bruttoeinkommens zahlen. BUMM.

Ich weiß, ich weiß. Sommerloch, da kommen die merkwürdigsten Ideen aus der Ursuppe in Berlin hoch, da wird eben alles abgeschöpft und verbreitet. Aber das hier klingt auf so vielen, vielen Ebenen falsch und unanständig, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Ich will auch gar nicht irgendwas gegeneinander aufrechnen. Dass zum Beispiel Paare mit doppeltem Einkommen und ohne Kinder mehr Steuern zahlen, mehr in die Rentenkasse zahlen usw. Ich kenne mich mit diesem Statistiken und Kennzahlen nicht aus. Mir geht es darum, was diese absurde Idee mit mir macht.

Und vermutlich mit Hunderttausenden anderen Kinderlosen in diesem Land. Wobei es im Grunde egal ist, ob sie sich aus freien Stücken dazu entschieden haben, keine Kinder zu bekommen, oder ob es aus irgendwelchen Gründen nicht möglich ist, Kinder zu bekommen. Oder ob man einfach nicht den Partner fürs Kinderkriegen gefunden hat, Single ist, in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebt, kein Interesse an Sex hat usw. In solchen Situationen empfinde ich auch mich als „kinderlos“, denn ich vermute, der Gesetzgeber wird an solche Spezialfälle sicher nicht denken, wie wir einer sind. Wir zum Beispiel haben unser Kind sehr, sehr früh verloren.

Die Entscheidung für oder gegen Kinder ist keine, die allein vom Geld abhängig gemacht wird. Zumindest sollte das kein Argument sein in einem der reichsten Länder der Welt mit einem – in weiten Teilen – funktionierenden Sozialsystem. Dass man jetzt mit „Lockangeboten“ wedelt, soll doch nur darüber hinwegtäuschen, dass man sich an anderer Stelle täuscht, richtig viel Geld in die Hand zu nehmen, damit Familien entlastet werden. Ganz genau. Nicht Kinderlose belasten, sondern Familien mit Kindern entlasten, bitte. Das würde nicht nur ich mir wünschen, ich bin sicher, das geht allen so. Sicher auch jenen, die keine Kinder haben, egal aus welchem Grund.

Aber nö … Einfach mal die moralische Keule schwingen. Nicht nachdenken, sondern reden. Schade. Wirklich schade. Mit ein bisschen Geld winken, der Bürger ist doch so einfach gestrickt und wird sich von 1.000 Euro überzeugen lassen, dass Kinderkriegen total klasse ist!

Und an diesem Punkt setzt es bei mir aus. Ich weiß, wie lebensverändernd diese Entscheidung für Kinder ist. Weder eine „Abgabe“, die dann wegfällt, noch 1.000 Euro „Begrüßungsgeld“ (nennen wir es doch gleich Wurfprämie!) hätten mich davon überzeugen können, dass Kinderkriegen besser ist als es bleiben zu lassen. Ich wollte Kinder, Ende der Diskussion.

Genauso kenne ich viele Kinderlose, die sich nicht von so einem Argument überzeugen lassen, plötzlich eine Horde kleine CDU-Wähler in die Welt zu setzen. Die ihre ganz privaten Gründe haben, warum sie keine Kinder bekommen. Freie Entscheidung, zum Beispiel. Oder gesundheitliche Gründe, weil sie eine Erbkrankheit in sich tragen. Ich kenne auch viele, viele Paare, die sich immer Kinder gewünscht haben und nicht bekommen konnten. Oder noch darum kämpfen. Oder für die es kein zweites Kind gab. Auch die würden damit abgestraft, denn ein Kind zählt ja für die JU offenbar „nicht so richtig“ und ist nur ein halbherziger Versuch (ja, genau. Dann halbiert sich die Abgabe nur! Gestrichen wird sie erst, wenn das zweite Kind kommt.) Es sind so viele, dass es mich ein bisschen traurig macht. Denn all die Kinderlosen, die nicht kinderlos sein wollen, würden mit so einer Regelung auch noch doppelt abgestraft.

Sich ein Kind zu wünschen und es nicht zu bekommen, ist für jedes Paar ein Schlag ins Gesicht. Es gibt viele Alleinstehende, die keine Familie gründen können, weil kein Partner da ist. Manche entscheiden sich bewusst gegen Kinder, weil sie sich das Leben mit Kindern nicht vorstellen können. Strafen wir sie alle ab. Los, lassen wir sie dafür büßen. Nennen wir es doch gleich „Asozialensteuer“, weil diese Menschen sich nicht in der Gemeinschaft einbringen.

Ich. Fass. Es. Nicht.

Was kommt als nächstes? Die Pflicht, mindestens ein Kind in die Welt zu setzen?

(Wie denn, verdammte Scheiße!!!)

Ja, ich bin wütend. Weil da wieder jemand den Mund aufgemacht hat, der keine Ahnung vom Leben hat. Der vermutlich nicht weiß, wie weh es tut, von der ganzen Welt als Kinderlose angesehen zu werden, die sich ja nur die Rosinen rauspickt. Bitteschön – ich hab es ja versucht, es sollte nicht sein, ich habe keine Ahnung, ob uns dieses Glück ein zweites Mal beschert sein wird. Würde so eine Abgabe kommen, müsste ich mich jeden Monat aufs Neue mit dem Schmerz auseinandersetzen. Ich weiß schon, ich bin ein Sonderfall.

Aber gilt das nicht auch für all die anderen, die ungewollt kinderlos sind?

P.S. Ich möchte noch mal ausdrücklich darauf hinweisen: ich bin nicht „kinderlos“. Ich habe einen Sohn. Unser Sohn starb wenige Minuten nach seiner Geburt im September letzten Jahres. Und so sehr mir dieser Satz immer noch die Tränen in die Augen treibt, weiß ich eines. Ich bin Mutter, das werde ich immer sein. Aber in dieser speziellen Situation fühle ich mich wie eine Kinderlose, und das macht mich irre wütend. Denn mal ehrlich: die Eltern, die ihre Kinder verlieren – die nehmen wir doch auch kaum wahr.

„Du hast so ein großes Herz!“

Das ist ja auch Teil des Problems.

Die das sagte, ist mein aktueller Lieblingstermin unter der Woche, dreimal hatte ich ihn schon, einmal kommt er noch. Und ich freu mich jedes Mal wie irr drauf, diesmal und jetzt im Moment noch viel mehr als sonst, weil es grad so gut passt. Lieblingstermin heißt auch: sich pieksen lassen, von Akupunkturnadeln. Und da reagiere ich relativ heftig, wird mir gesagt, bis hin zu Kribbeln in den Fingern und einem schmerzhaften Ziehen, als stünde ich unter Strom. Was wohl auch irgendwie passt, aber darum geht’s ja bei den Nadeln. Den Strom regulieren, zu einem ruhigen Fluss werden lassen. Also pieksen lassen, danach ein bisschen herumliegen und sich von dem, was da im Körper passiert, wegtragen lassen.

„Du hast so ein großes Herz!“, sagte sie beim letzten Mal, als sie einen bestimmten Meridian anpiekste. Einen, der so heftig auf die Nadel anspringt, dass ich es im ersten Moment in den Fingern kribbeln spüre. Bei dem ich denke, da hat jemand jetzt nen Schalter umgelegt, damit ich auf Niederstrom laufe. Was im ersten Moment erschreckt, aber dann später in ein wohlig warmes, angenehmes Gefühl mündet. Und wohl zum Großteil für die Müdigkeit verantwortlich ist, die mich danach packt.

Was spricht gegen dieses große Herz?

Gar nichts. Nur dass es noch Platz bietet. Es hält schon viele Menschen umfangen, manchmal vielleicht mehr als für mich und dieses große Herz gut ist. (Andererseits ist das Quatsch, dass es jemals zu viel sein könnten. Streicht den letzten Gedanken.) Und weil da noch so viel Platz ist – der nach Jacob noch größer wurde – finde ich die Kraft für Dinge, von denen ich bis vor zwei Jahren noch gedacht hatte, das sei zu viel für mich. Am Leben wachsen – eine sehr anstrengende Erfahrung. Aber oh, das ist das Leben. Und da gibt es kein „love it or leave it“. Es gibt nur: Love it!

Mit so einem großen Herz dürfte das ja kein Problem sein.

Als wäre ich wieder achtzehn …

Okay, ich geb’s zu – irgendwann kommt man an den Punkt, dass man nicht noch mal achtzehn sein will. So vieles war damals irgendwie verquer und anstrengend, man wusste ja noch nicht, wohin es einen treibt, man hatte nur Träume und Vorstellungen. Vielleicht ahnte man schon, dass sich manches davon nicht so einfach in die Tat würde umsetzen lassen. So vieles lag im Dunkeln. Oder man redete sich eine Weile erfolgreich ein, dass die Welt nur auf die eigene Stimme gewartet hat.

Aus jener Zeit ist mir noch lebhaft eines in Erinnerung: wie ich gelesen habe. Als gäbe es kein Morgen, sondern nur noch dieses eine Buch, das dann das nächste bedingt, eine Perlenschnur von Lese-Erlebnissen, die ich rückblickend gar nicht mehr in die Form bekomme. Da war nur dieses eine Gefühl von Selbstvergessenheit und Offenheit, und jedes Buch war das richtige. Ich las nicht, weil ich eine Art Lektüreliste abarbeiten wollte, sondern ich las, weil diese Bücher etwas in mir anrührten. Etwas, das schmerzte und heilte zugleich.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der anderen Seite des Lesens. Dort, wo man liest, um zu vergessen. Sich selbst, das eigene Elend, dieses Ziepen irgendwo neben dem Herzen. Es durfte bloß nicht zu viel von mir verlangen, nicht zu tief unter diese viel zu dünne Haut gehen. Seicht, leicht, kuschelig. So wollte ich lesen und so wollte ich schreiben. Beides funktioniert jetzt plötzlich nicht mehr, weil meine Sinne langsam aufwachen. Ich weiß nicht mal, woran das liegt, aber wer bin ich denn, das alles zu hinterfragen? (vielleicht ist es das beständige Versuchen, das es besser macht. Jetzt dann doch.)

Jetzt lese ich, weil ich hungrig bin. Und mit dem Lesen kehrt das Schreiben zurück. Anders. Lebhafter. Gieriger. Ich produziere Text um Text, bin kritischer als zuvor (was mal so gar nicht ist wie damals mit achtzehn, als ja alles vor Genialität gefunkelt hat) und forme jeden Satz, ohne ihn in Stein zu meißeln. Es ist anstrengend; nach zwei Stunden am Abend bin ich völlig ausgelaugt.

Und dann gehe ich ins Bett, falle in fremde Welten und lausche fremden Stimmen in meinem Kopf und bin verzaubert. Es macht etwas mit mir. Macht mich wacher, lichter, lässt mich innehalten und glücklich seufzen. Jawohl, glücklich. Und die Liste der Bücher, die ich noch lesen will und wieder lesen will, wird länger und länger. So wie damals, als jedes Buch, jede Welt für sich mich vor Neid erblassen ließ.

Und jetzt? Ich bin froh, wieder wie damals zu lesen, so offen und neugierig. Mehr nicht. Eine alte Fähigkeit, von der ich nicht wusste, dass ich sie noch besitze.

Lichte Tage.

Das war noch einmal die dunkle Seite der Trauer. Nicht zum letzten Mal, das ist gewiss; aber immerhin spürte ich, wie ich mich mit jedem Tag, jeder hellen Minute langsam und sicher wieder herauskämpfte aus diesem Tief. Ich nannte es Igelmodus, und es stimmt irgendwie – ich bin stachelig, abweisend und ruhe ganz in mir und ja, leider auch in meinem Schmerz. That’s part of the game, könnte man so sagen.

Aber: die Tage werden spürbar länger. Und wärmer! Gestern und heute haben wir im Erdgeschoss vom Häuschen mal so eine Art Frühlingsputz gemacht: Staub gewischt, in den hintersten Ecken Staub gesaugt, gewischt, die Küchenfronten erst feucht abgewischt, danach mit spezieller Pflege poliert, aufgeräumt (!), das Sofa abgesaugt und so weiter. Auch das hat nämlich einen erstaunlichen Effekt auf die Seele. Die guckt sich dann in den hellen, hohen Räumen um und murmelt fröhlich vor sich hin, wie viel schöner das ist, wenn alles seinen Platz hat. Im Moment ist das unser großes Thema; wir schmeißen vieles weg, ordnen vieles, ich verticker Bücher über Rebuy usw. Platz, Licht, Luft! Jeder kleine Schritt ist einer in die richtige Richtung, und hey, wenn es die Rückschläge gibt, dann gibt’s die eben, ja. Jetzt kann ich das ganz locker sehen, bis der nächste große kommt.

Mit Licht, Luft, Platz zum Atmen kommt auch wieder, hoffentlich: mehr Zeit zum Schreiben. Denn komischerweise: wenn alles ordentlich ist, habe ich mehr Zeit (nicht Muße!) zum Schreiben. Als würden Dinge, die herumliegen, aufs Gemüt drücken, nerven, an mir zerren, mich ständig zu sich rufen wollen mit ihren permanenten Verlockungen.

Zum Lesen komme ich auch wieder so langsam. Empfehlung vom Nachttisch: „Lesen als Medizin(Amazon-Affiliate-Link), wie passend! Das Buch selbst ist schon eine Wohltat, so unaufgeregt und klar geschrieben. Ich komme nur langsam voran, aber eventuelle Leseziele für 2015 lass ich jetzt mal schlank hinten runter fallen. Glücklich sein ist oberstes Gebot, nicht 25 Bücher lesen.

Übrigens hat so ein Leben ohne Kinder auch entscheidende Vorteile. Heute haben wir nachmittags zwei Stunden *geschlafen*, einfach so, am helllichten Tagen ins Bett. Während sich der Rest der Welt in Zoos, auf dem Hermannweg und bei den Ziegen in Olderdissen drängte. Das war schön!

Die Kampfansage.

Liebes 2015,

wir kennen uns noch nicht besonders gut, aber bisher hast du dich verhalten wie ein Arschloch. Das finde ich nicht nett, denn – siehe oben – wir kennen uns ja kaum. Kein Grund, gleich so eklig zu mir zu sein, okay?

Wir machen das jetzt so. Ich kann natürlich nicht versprechen, dass ich die nächsten 10 Monate mit Sonne im Herzen, mit Herzchen inne Augen durch die Weltgeschichte tanze und meine Mitmenschen, alle kleinen und großen Katastrophen und meine dunklen Stunden mit Einhornpupspulver bestreue. Aber wie wär’s damit: ich arbeite mich an meinem Neujahrsvorsatz ab (jeden Tag aufs Neue versuchen, alle Kraft zu investieren für die Veränderung), ich lasse die Verzweiflung zu, damit sie vorüberzieht und ich schreibe all die verdammten Bücher, die mir Tag für Tag das Gehirn verkleben.

Du hast eigentlich nur einen Job. Mach mich glücklicher als es 2014 getan hat.

So schwer ist das nicht. Ehrlich nicht.

Und wenn du ein kleines, winzigkleines Wunder übrig hast, darfst du es gern bei uns lassen. Wir empfangen es mit offenen Armen und werden uns gut darum kümmern.

Mach’s gut – wir sprechen uns in zehn Monaten noch mal!
Jules

Allein unterwegs. (mit Übernachtung!)

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Irgendwann muss man wieder „vor die Tür“. Die ersten Schritte habe ich ja recht früh getan – zehn Tage nach der Geburt wurden wir von Freunden zum Waffeln essen eingeladen. Das erste Mal das Gefühl, in der Trauer angenommen zu werden. Aber jemine, das ist schon lange her. Vier Monate später wurde es dann irgendwie auch wieder Zeit, richtig unterwegs zu sein. So mit Übernachtung und so.

Im November waren wir ein paar Tage am Meer, so richtig zählte das aber auch nicht, weil es mir vor allem darum ging, allein unterwegs zu sein. Nur auf mich gestellt sein, okay, nicht ganz, aber zumindest so, dass ich unterwegs allein bin. Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben.

Ich will’s kurz machen und gar nicht spannend: ja, ich hab das geschafft. Ja, ich hab mich Mittwoch früh morgens in den Zug gesetzt und bin durch halb Deutschland gefahren. Ja, ich bin auf bekannten Bahnhöfen umgestiegen, saß fremden Menschen gegenüber, übersetzte ein bisschen vor mich hin und guckte aus dem Fenster. Es ging mir dabei nicht besser oder schlechter als zu Hause. Es ging mir nur anders als die vielen, vielen Male zuvor, wenn ich diese oder eine ähnliche Reise antrat. Ich war gelassener. Ich spürte, wie wenig überhaupt an mich rankommt von diesen ganzen negativen Strömungen, die mich sonst beeinflussen. Wie dick mein Fell ist, ohne dass die hochempfindliche Wahrnehmung darunter gelitten hat. Ich registriere alles, doch ich lasse mich davon nicht runterziehen; Dinge, die mich früher beunruhigt hatten, schafften das nicht mehr.

Ich war nicht lange weg; eine Übernachtung, zwei Tage. Und natürlich, ich kehre immer wieder gern nach Hause zurück, schleiche auf Zehenspitzen ins Häuschen und gebe dem Liebsten einen Kuss, der beim Warten auf mich eingeschlafen ist auf dem Sofa. Danach geht’s weiter wie zuvor und alles ist gut – aber irgendwie ist es auch besser. Ich war unterwegs, es war wunderschön, es war geprägt von guten Gesprächen. Fortschritte. Da waren ganz viele, wunderbare Fortschritte.

Es darf so weitergehen – auch wenn ich weiß, dass es das vermutlich nicht immer wird.