Ich höre auf. Sagte ich.

Und ich lachte mit den anderen. “Das halte ich eh nicht durch”, sagte ich. Zu meiner Agentin, meiner Lektorin und auch zu meinen Schreibfreundinnen, Gefährtinnen auf diesem Weg seit vielen Jahren. Ich erzählte es aber so ziemlich jedem, für den es wichtig sein könnte – meinem Mann, meiner Mutter, meinen besten Freunden: ich hör auf mit dem Schreiben. Dieses Buch da, das ich schreibe, ist das letzte.

Ich hab’s natürlich falsch angefangen. Ich sagte: “Das ist vorerst das letzte Buch, das ich schreibe. Mal sehen, was danach kommt.” Womit ich im Grunde wieder mal den Staudamm öffnete, durch den seither in einem zunehmenden Strom die Ideen sprudeln.

Ich wollte mir bewusst eine Pause gönnen. Eine Pause von dem Rhythmus, den ich in den letzten Jahren gelebt habe: Exposé schreiben, eventuell noch eine Leseprobe, Vertrag abschließen, Buch ein halbes oder ein Jahr später schreiben, nachdem ich zwischendurch schon ein, zwei andere Bücher geschrieben hatte. Und von vorne, immer so weiter. Das war sehr angenehm, ich hatte das Glück, mit wunderbaren Verlagen und Verlagsmenschen zusammenarbeiten zu dürfen. Die mir Freiheiten ließen, die auf mich und mein Gespür vertrauten, aber auch ihr eigenes Gespür mit einbrachten zum Wohl des Buchs, das ich da ersann. Insgesamt kann ich also sagen: Diese Zusammenarbeit war in den letzten Jahren sehr fruchtbar. Sehr freundlich, schon freundschaftlich geprägt auf allen Seiten.

Wieso ich da nicht einfach weitermache? Wieso ich nicht den nächsten Vertrag schließe, das nächste Buch schreibe, wieso ich diese sichere Position aufgebe?

Weil ich meine Freiheit zurückerlangen will. Ich kann diese Art zu schreiben jedem empfehlen. Wenn das Umfeld stimmt, macht es Spaß – und das Umfeld stimmte! Ich habe also nicht aus Frust wegen mieser Verkauszahlen diese Entscheidung getroffen oder weil ich unzufrieden bin. Ich habe diese Entscheidung getroffen, ganz bewusst, weil ich mich nach dem Spielerischen sehne. Nach dem großen Zweifel. Nach der Unsicherheit, die mich zu Höchstform anspornen wird. Wenn ich ein Buch schreibe, gebe ich immer mein Bestes. Aber es ist ein Unterschied, ob ich mein Bestes gebe und schon genau weiß, was es mir “bringt” (nicht bloß in finanzieller Hinsicht) – in Bezug auf Zufriedenheit, Spaß, Sicherheit und so fort – oder ob ich mich ins kalte Wasser der Ungewissheit werfe. Ob ich kämpfen muss, ob ich mit meinen Zweifeln ringen muss. Ich glaube, dieses Schreiben ohne Vertrag ohne Sicherheit und ohne eine Ahnung, ob das, was da überhaupt aus mir hervorbricht, in meinem Verlag oder irgendeinem Verlag Begeisterung auslöst oder nur ein müdes “ach, naja … Schauen Sie sich doch mal woanders um …” – das wird das hervorbringen, wozu ich in den letzten Jahren nicht in der Lage war.

Weil es bequem war. Sicher. Berechenbar.

Ich wähle die Unsicherheit. Ich wähle den Sturm, die unruhige See, ich wähle das volle Programm von Euphorie über einzelne Sätze bis hin zu Phasen tiefer Verzweiflung, weil mein Verstand nicht die Worte hervorzubringen vermag, die ich für die Geschichte brauche, die ich erzählen will. Ich werfe all meinen Mut in diese neue Lebensphase. Ich weiß, was mich erwartet. Ich werde mit mir hadern, ich werde all meine Wut gegen mein Unvermögen richten, mich zur Höchstleistung anspornen, ich werde gegen das Gefühl kämpfen, dass das doch eh niemanden interessiert, was ich da schreibe (was ja durchaus der Fall sein kann!), ich lebe mit dem Risiko, etwas Unverkäufliches zu schreiben, das kein Verlag anpacken mag. Ich setze alles aufs Spiel.

Vielleicht musste ich mir in meinem Nest als Schriftstellerin erst die Sicherheit erarbeiten (denn das habe ich geschafft), um jetzt etwas ganz Neues zu beginnen. Ich will nicht sagen, dass ich mich neu erfinde, bloß nicht! Aber ich stelle mich noch einmal dem, wovor ich mich immer gefürchtet habe.

Meine größte Angst war bisher, irgendwann ohne Vertrag dazustehen und nicht zu wissen, was ich als nächstes schreiben “darf”.

Jetzt ist mein größtes Geschenk, dass ich schreibe, was mich drängt, was in mir brennt. Früher war es für mich die größte Herausforderung, das erste, das eine Buch fertig zu schreiben, mit dem ich den ersten Vertrag bei einem Publikumsverlag bekommen würde. Nachdem das geschafft war, entwickelte es sich. Es war – bei allen Hindernissen und Rückschlägen, die es immer gibt – recht leicht. Es ging immer so weiter. Und ich weiß, wenn ich Montag meine Agentin anrufe und ihr sage, ich will so weitermachen wie bisher, dann wird sie das tragen. So wie sie jetzt meine Entscheidung mitträgt, nicht mehr zu schreiben. Beziehungsweise, ja: doch zu schreiben. Aber mit ungewissem Ausgang.

Komischerweise schreckt mich das nicht. Komischerweise bin ich überzeugt, dass das, was ich da schreiben werde, gut wird. Und dass es zu den Lesern findet.

Ich höre auf, sagte ich.
Dabei ist das eigentlich erst der Anfang.

Ostersonntag.

Hier sollte eigentlich jetzt eine kleine Abhandlung stehen darüber, wie es ist, wenn man sich selbst besiegt. Wenn man die seelischen Verwerfungen überwindet, wenn man sich in die Arbeit wirft und damit dieses innere Beben befriedet.

Passiert ist das Gegenteil. Ein elender Tag liegt hinter mir, an dem ich mich vom Bett aufs Sofa schleppte, vom Sofa ins Bett. An dem ich ein wenig las, viel und oft erschöpft die Augen schloss, in Gedanken die zahlreichen Dinge durchging, die ich für die kommende Woche auf die Tagesordnung gesetzt habe. Um nicht vollends verrückt zu werden. Und zugleich das Gefühl, dass es unmöglich ist, alles zu schaffen.

Also alles wie immer. Nur mit wehem Herzen obendrauf.

Und dann ist es still.

Du hältst inne und versuchst, die Stille zu begreifen, aber manches kann man eben nicht begreifen.
Manche Menschen gehen, und du hältst sie nicht davon ab, weil euch nicht mehr genug verbindet, oder weil es nicht die Kraft des Einen kosten darf, während der Andere sich nur zurücklehnt.
Andere Menschen kommen dafür hinzu. Sie vermögen, die alte Stille nicht auszulöschen, aber wenigstens spürst du dann nicht vordergründig, was du verloren hast. Der Schmerz tritt in den Hintergrund, und da kann er dann leise vor sich hin schmerzen, bis er mit dem Hintergrundrauschen verschmilzt.
Alles ist gut, denn das Leben ist in Bewegung. Und die Bewegungen der letzten Monate waren richtig und wichtig. Die meisten Stimmen, die bisher in diesem Leben waren, gewannen an Kraft. Und manche Stimme ist eben verstummt – vielleicht, weil sie ohnehin nicht mehr gehört werden. Weil sie gesagt hat, was sie zu sagen hatte. Weil es damals richtig war, genau das zu hören, um sich vor Fehlern zu bewahren.
Die Elster sagt, irgendwann haben manche Freundschaften einfach ihr Karma verbrannt. Vielleicht ist es genau das. Karma verbrannt, und leises Bedauern ist da, doch nicht dieser trotzige, wehrige Zorn, den ich früher immer aufbrachte, wenn Freundschaften zerbrachen. Denn ja, die zerbrachen eben, mit großem Getöse. Das hier ging ganz leise zu Ende, über viele Monate und vielleicht schon Jahre davor. Ist das schlecht? Ist das schlimm? Oder lerne ich auch daraus wieder etwas – nämlich, dass man auf sich selbst hören sollte, ehe es dann vollends zur Anstrengung wird?
Jahre, vielleicht Jahrzehnte war da jemand, sehr dicht bei dir. Und jetzt hast du die Distanz, dass es nicht mehr so wäre wie früher.
Muss es das denn? Würde es nicht genügen, sich einfach mal wieder an einen Tisch zu setzen und zu reden?
Vermutlich sind wir uns einfach zu fremd, um einander noch zu vertrauen. Vielleicht ist zu viel passiert, seit man das letzte wirklich innige Gespräch hatte führen können.
Aber ist deshalb alles Karma verbrannt? Ist da nicht noch etwas, das man nutzen kann? Alles vorbei? Oder Zeit für einen Neuanfang? Denn so weitermachen wie bisher – das kann zumindest ich nicht.

TBO & DVS & ???

Ich find’s ein bisschen schade, doch es gebietet die Vernunft, dass ich euch nur verschlüsselt an dem teilhaben lassen kann, was ich im Moment arbeite. Darum sind also die Projekte ein bisschen im Abkürzungsdschungel verschwunden, und für die nächsten Monate heißen diese Projekte erstmal TBO & DVS. Beides deutet auf den Titel hin, aber hey, mehr verrate ich nicht.

Bei TBO habe ich gewissermaßen schon angefangen, im November schon, weil ich da um eine Probe meines Könnens gebeten wurde. Meine Arbeitsprobe überzeugte, und ein bisher leerer SLot im Übersetzerwunderland war besetzt. Während meiner kleinen Dezemberauszeit las ich dann das Buch, und ich hab ja schon viele Bücher übersetzt, aber ich glaube, bisher haben mich wenige so sehr zu fesseln vermocht wie dieses. Deshalb ist es eine besondere Freude, dass ich mit TBO jetzt schon anfangen kann. Schade nur, dass es nicht ewig dauern wird. Dieses Buch wird mir Spaß machen, und ich hoffe, ich kann dieses Gefühl von “ja, ja, ja!!!” lange bewahren.

Ein neuer Roman wird in den nächsten Monaten auch entstehen – DVS. DVS ist etwas anders als die bisherigen, und auch da habe ich schon letztes Jahr angefangen, musste das Manuskript dann aber für eine Weile beiseite legen, weil Anderes wichtiger war. Jetzt ist DVS das Allerwichtigste. Den Nachmittag verbrachte ich auf dem Sofa mit der Sichtung des Materials, das auf den ersten Blick so dünn und fadenscheinig ist, dass ich mich frage, wie es mir in so kurzer Zeit gelingen soll, daraus 500-600 Seiten zu machen. Dass es gelingen wird, weiß ich ja, ich mach das nicht zum ersten Mal. Aber jedes Mal habe ich wieder ein bisschen Angst vor der eigenen Courage, ein bisschen Muffensausen, ob es diesmal so gelingen wird. Jedes Mal ist es ein Sprung ins kalte Wasser, egal wie viel Vorarbeit man schon geleistet hat, egal, ob man schon 50 oder 100 Seiten zu Buche stehen hat. (im Moment sind es eher 50.)

Das dritte Projekt, das ist heikel. Das ist Herzenswunsch, der gegen die Wirklichkeit kämpfen muss, und das ist ja per se schon schwierig. Aber er muss auch gegen meinen Realitätssinn bestehen, und der sagt eben, mit lauter Stimme und ohne sich drum zu scheren, dass das Herz etwas Anderes will, es sei unmöglich, das zu versuchen, unmöglich sei es, zu glauben, damit auch nur ansatzweise an den Punkt der Veröffentlichungsreife zu gelangen, denn dafür müsste man das Buch fertigschreiben, was ich bei dem Umfang nicht ohne Netz und doppelten Boden tun könnte, und ach, sind wir mal ehrlich, wer kauft sowas denn noch heutzutage. (Nein, ich werde nicht konkreter, aber wer meine Leidenschaften kennt, kann es sich denken, wohin die Gedankenreise geht.)

Verstand schreit Nein, Herz flüstert Ja.

Dreimal dürft ihr raten, wer da den Sieg davontragen wird.

Von der Übung.

Die Hände ruhen auf der Tastatur. Zögerlich und nicht ganz sicher, ob das, was ich jetzt schreiben werde, wirklich in die weite Welt gehört oder doch in die Enge einer blauen Kladde, in die ich mich mit den Gedanken immer häufiger zurückziehe.

Und dann, naja: warum nicht in die Weite des Webs? Dorthin habe ich lange Jahre sehr viel geschickt, und es kam ebenso viel zurück. Manchmal sogar so viel mehr.

Aber letztes Jahr bin ich erst verstummt und habe mir dann dieses Jahr eingeredet, ich hätte das Wort wieder ergriffen. Ich habe es vor mir behauptet und habe es versucht, mit Einträgen auf dieser Seite zu unterfüttern. Und dann machte ich dieses kleine, traurige Blog zu, verbannte es auch wochenlang aus meinen Gedanken, obwohl das schwer möglich ist, wenn man nach den richtigen Worten sucht und sie nicht findet. In Gedanken schrieb ich Dutzende Blogeinträge, Hunderte, und keiner hat’s auf die virtuelle Bühne geschafft, weil sie mir allesamt zu falsch in den Ohren klangen. Das bin nicht ich. Oder: sie erkennen dich nicht wieder, wenn du jetzt so erzählst und nicht, wie sie es von dir gewohnt sind.

Außerdem findet so vieles inzwischen drüben auf Twitter statt, und so vieles ist kaum gesagt, schon wieder am unteren Ende der Aufmerksamkeitsspanne verschwunden. Das kann man machen, wenn man gern gleich wieder aus den Gedanken der Menschen verschwindet. Mir war das in den letzten 18 Monaten nur recht; ich wollte selbst gern aus meinen eigenen Gedanken verschwinden. (die Unmöglichkeit dieser Übung werde ich ein anderes Mal aufgreifen. Ganz so unmöglich, wie es klingt, ist es dann doch wieder nicht.)

Aber ich sitze hier, und ich schreibe. Ich habe in der Zwischenzeit Bücher geschrieben, zwei, auf die ich stolz bin, ein weiteres, das so nie das Licht der Welt erblicken wird und zwei andere, nun ja. Die ich nicht als Jugendsünden verbuchen möchte, die ich aber in einer Schublade ablege, die ich inzwischen geschlossen habe. Ein Lebensabschnitt beendet, ein Kapitel beschlossen, es geht weiter. Wohin genau, das ist so ganz klar noch nicht; ich finde mich noch.

Die Worte sind da, ich muss sie nur in der richtigen Reihenfolge aufs Papier bringen.

Eine Zeitlang habe ich gedacht, ich hätte meine Geschichte hier erzählt. Meine Geschichte war: ich werde Schriftstellerin. Ich hab das geschafft; ich war zäh und hab gekämpft, ich ließ nicht nach, ich hab mich oft verirrt. Inzwischen steht dieses Jahr dafür, dass ich angekommen bin in dem, was ich immer wollte; ich dachte daher, meine Geschichte sei zu Ende. Und wer will schon den zweiten Teil lesen, eine Fortsetzung, die so öde ist, dass es dem Leser die Augen verdreht? Ich wollte sowas nicht mal schreiben.

Trotzdem sitze ich hier. Nein, gerade deswegen. Denn die Geschichte ist nicht zu Ende; ich wollte Schriftstellerin werden. Das ist nicht die große Kunst. Sie liegt darin verborgen, seine Geschichten auch weiterhin zu finden, ihnen treu zu bleiben, sich den Erfahrungen zu stellen, die dieser Beruf jeden Tag aufs Neue mit sich bringt. Erfahrungen, die nicht immer leicht sind, Entscheidungen, die gefällt werden müssen. (schreibe ich jetzt marktkonform mit glücklichem Ende? Oder scheiß ich drauf und schreib ein Ende, das mir das Herz in Fetzen haut und das meine Lektorin mir unter die Nase reibt, weil es unmöglich ist? Oder irgendwas dazwischen?)

Ich kann hier nicht absolut ehrlich sein. Aber ich kann versuchen, meine Geschichte fortzuschreiben. Mit meinen Worten, meinen Erlebnissen, meiner Stimme. Die sich verändert hat, mag sein. Sie ist ein bisschen kratziger geworden, kantiger und nicht mehr gar so glattgestriegelt. Wenn das so ist, bin ich froh. Wenn nicht – nun ja.

Ich übe noch.

Wochenrückblick #1

[inspiriert von Madame Mim. Und vielen anderen.)

[*Gesehen*] Hamburg. Das ist jetzt nicht wie mit Neapel, aber so ein bisschen schon. Hamburg ist mein neues Berlin, Hamburg hat mich gepackt. Will jetzt unbedingt in Kürze wieder dorthin, und sei’s nur, um Frau Elster fest an mich zu drücken.

[*Gefragt*] Wieso tust du sowas? Außerdem: Warum bin ich nicht viel eher drauf gekommen, Halbsohlen zu benutzen?

[*Gelesen*] “The Cinnamon Peeler’ Wife” von Michael Ondaatje. Es stand an der Wand meines Hotelzimmers im Wedina:

If I were a cinnamon peeler
I would ride your bed
and leave the yellow bark dust
on your pillow.

(den Rest findet ihr *hier*.)

[*Getan*] Erstmals in diesem Leben Sushi gegessen, in Hamburg, mit der Lieblingslektorette. Das war interessant und schreit nach Wiederholung.

[*Gedacht*] Wie schwer das doch ist, in den eigenen vier Wänden Urlaub zu machen, wenn an jeder Ecke die Arbeit der kommenden Wochen lauert.

[*Gefreut*] Über ein Lob zum neuen, nächsten Roman.

[*Geärgert*] Über mich selbst und meine Unbelehrbarkeit.

[*Gekauft*] Neue Schuhe. Winterstiefelettchen! Sowas hab ich seit Jahren nicht besessen.

Fünf Tage

Man denkt ja, fünf Tage sind ein Nichts, sie verfliegen einfach, und dann sind sie fort, auf Nimmerwiedersehen. Darum ist da vielleicht auch diese Vorstellung, fünf Tage könnten gar nichts verändern, fünf Tage hier oder dort, das macht keinen Unterschied.

Fünf Tage war ich fort, und gestern kam ich im Dunkeln heim. Ich ging im Dunkeln zu Bett und wachte auf, weil es hell war und weil ich nicht mehr schlafen konnte. In der Küche wurde ich von meinen Morgenroutinen eingenommen: Kaffeemaschine vorheizen, das letzte Geschirr von gestern Abend in die Spülmaschine räumen, die Hände finden keine Ruhe.

Dann stehe ich mit dem Kaffeebecher in beiden Händen am Fenster, ich schaue hinaus auf die Gärten hinter dem Haus, und es ist hell, so hell, ich glaube fast, die Sonne scheint, was sie aber gar nicht tut. Das Laub macht es so hell, das wenige, was noch da ist. Und ich gehe zurück, jeden einzelnen der fünf Tage bis zum Morgen meiner Abreise. Waren die Bäume da auch schon so kahl? So hell und licht?

Nein, waren sie nicht.

Fünf Tage sind für die Natur mehr. Und sie sind auch für mich mehr als eine flüchtige Erinnerung oder dieses Empfinden, dass ich raus war, ganz gelöst von Zeit und Raum. Fünf Tage sind eine Welt für sich. Die Bäume haben ihr Laub abgeworfen, und sie sind bereit, den Winter zu verschlafen.

Ich möchte das bewahren, was mir diese fünf Tage geschenkt haben. Möchte die Erinnerung konservieren, in Bernstein gießen und im Licht hin und her drehen, bis sie abgenutzt ist, bis sie faulig ist wie das Laub. Und zugleich möchte ich, dass alles bleibt, wie’s ist. Was nicht sein kann, denn jeder einzeln Atemzug kann schon alles verändern.

Was da erst fünf Tage bewirken …

Die Rentenmitteilung oder: wovon soll ich denn später leben?!

Ich hab’s jetzt schon in mehreren Blogs gelesen, wie die Autoren dort auf ihre Rentenmitteilung reagierten. (und wurde schon nervös. Und nölig. Wo bleibt’n meine nur?!) Heute durfte ich auch diesen schlichten, weißen Umschlag aus dem Briefkasten fischen, der mich alljährlich darüber aufklärt, wie wenig doch von dem, was ich da einzahle, tatsächlich bei mir am Ende wieder rauskommen wird.

Ich gebe zu: ich war überrascht.
Nicht darüber, weil es so wenig ist. Sondern weil ich mit so viel nicht gerechnet habe, ehrlich gesagt, nachdem überall so viel geklagt und gejammert wurde. Ja, haut mich! Aber diese Rentenmitteilung wird ja immer aufgrund dessen extrapoliert, was man in den letzten fünf Jahren eingezahlt hat. Und ich habe da nicht so viel eingezahlt – jedenfalls nicht in den ersten beiden Jahren, in denen ich ja noch am Anfang meiner Freiberuflichkeit stand. Jetzt ist das ja anders. Jetzt zahle ich deutlich mehr ein.

Aber ich weiß nicht, ob ich da den Denkfehler mache. (wahrscheinlich!) Das Rentensystem ist ein Umlagesystem, das heißt, es wird heute das ausgezahlt, was die versichert Beschäftigten auch einzahlen. (plus, ich weiß, das, was der Staat noch reinbuttert. Okay.) Das war bei Bismarck ja nicht anders. Nur dass zu Bismarcks Zeiten eben die durchschnittliche Lebenserwartung über dem Renteneintrittsalter lag. (das zum Thema früher sei alles besser gewesen. Ähem.) Und wenn ich mir jetzt anschaue, was ich so ab dem 1.10. 2046 (!) an monatlicher Rente bekäme, berechnet auf Grundlage dessen, was ich eingezahlt habe, wenn ich weiter brav einzahle, denke ich: joa. Kann ich mit leben.

Und kommt mir bitte nicht mit “du hast gut reden, bist ja mit einem Beamten verheiratet”. Ich sage: kann ICH gut mit leben. Könnte ich also allein gut mit leben. Natürlich wachsen die Ansprüche mit den Jahren. Natürlich will man sich “im Alter noch was leisten können”. Und natürlich habe ich Vertändnis für jeden, der nicht zusätzlich vorsorgen kann (obwohl es schon sehr knapp zugehen müsste, um die fünf Euro im Monat für Riester nicht aufzubringen), und vermutlich darf ich mir jetzt das Geschrei anhören, ich wäre privilegiert, ich wäre weißnichtwas. Natürlich hätte ich deutlich weniger als heute. Natürlich müsste ich mich einschränken. Aber einschränken klingt für mich so negativ.

Ich bin selbständig. Ich schreibe, ich übersetze, ich mach das auf eigene Rechnung. Wenn die Verlage plötzlich nix mehr mit mir zu tun haben wollen (aus welchen Gründen auch immer), steh ich doof da. Das wird nicht so leicht passieren, aber ich bin mir dessen immer bewusst. Ich habe keinen Arbeitsplatz, um den ich bangen müsste. Aber ich sehe in meine Planungen und muss immer hoffen, dass die Aufträge kommen. Das ist mein Los. Und die Aufträge müssen noch 34 Jahre kommen, bitteschön, was, wenn man sich das mal überlegt, irgendwie krass ist.

Man, man, man. Ein einziger Wisch Papier, der so ein Gedankenkarussell in Bewegung setzt. Und das für etwas, das ich vielleicht nie erlebe, wenn ich mit 66 an Krebs sterbe. Das empfindet jetzt keiner als ungerecht, oder? Dass dann meine Rentenbeiträge in dem Gierschlund verschwinden auf Nimmerwiedersehen?

Ich schon. Ich will mindestens hundert werden. Auch mit “kleiner Rente”. Bis dahin hab ich genug Bücher und Wolle gehamstert, dass ich mir um meine Hobbys keine Sorgen machen muss. ;-)

Die Nacht zum Tage.

Es gibt diese Nächte, einmal, zweimal im Monat. Ich geh abends zu Bett, lese ein halbes Stündchen, rede mir ein, müde zu sein und lösche das Licht. Der Liebste schläft, und ich wache und lausche dem Hämmern meines Herzens zwischen Ohr und Kissen, bis ich keine Lust mehr hab.

Dann stehe ich sehr leise auf, ziehe mich wieder an und geh in die Küche. Erster Schritt: Nerventee kochen. Zweiter Schritt: Beschäftigung suchen. Müde spielen. Ich meine, es ist wirklich mittenmitten in der Nacht, ich bin hellwach, was kann man da machen? (alles! Man glaubt es kaum!) Meist arbeite ich, weil irgendwann ja doch die Müdigkeit kommen könnte und ich den halben Tag verpenne. Irgendwann ist der Tee leer, das Köpfchen immer noch hellwach. Ich koche eine Kanne Tee, das ist dann die Kapitulation. Ja, lieber Körper, lieber Kopf, ihr kriegt euren Willen. Ich bleib wach.

Die Arbeit geht leicht von der Hand in diesen Stunden. Draußen ist es still, kein Auto auf der Straße. Drinnen ist es still, nur der Kühlschrank brummt seine Tonleiter. Manchmal sitze ich in der Küche, und ich sehe zu, wie der Tag erwacht, während ich redigiere oder schreibe. Ich brauche keine Geräusche. Keine Musik. Stille ist grad gut genug für mich.

Manchmal gehe ich dann in aller Früh ins Bett. Nach einer Nachtschicht. Oder ich geh gar nicht ins Bett, schlafe nur ein halbes Stündchen im Sessel, eingekuschelt unter einer Decke, ein Buch in der Hand.

Heute früh, heute Nacht, da stand ich in der Küche, und mir hing so gierig und beständig der Duft nach frischem Brot in der Nase, nach meinem Brot, das ich so gerne und ausnahmslos backe. Da konnte ich nicht widerstehen, und so schleiche ich mich gleich in die Küche, setze den Brotteig an und genehmige mir dann den ersten Kaffee des Tages. Nach dieser Nacht. Die Luft riecht das erste Mal nach Herbst, und wenn ich da auf dem Balkon stehe, bekomme ich unbändige Lust, mir dicke Wollsocken zu stricken, einen ganzen Schrank voll.

Jedes Jahr Ende August hat die Augenwischerei ein Ende. Nein, ich mag den Sommer nicht! Ja, ich liebe den Herbst! Endlich ist er wieder da. Meine Jahreszeit, meine Wochen und Monate, meine Insel im Jahr. Hier fühle ich mich ganz und wohl und brauch mir nicht einreden, wie toll Sommer, Hitze und Gewitter sind.

Und alles ist gut.