Die Tage am Meer.

Man kann es kaum glauben, dass die Tage am Meer schon wieder vorbei sind. Dass wir gestern die Koffer packten und wehmütig dieses kleine Häuschen hinter uns ließen, das uns seit Sonntag ein Rückzugsort gewesen war.

Die Zeit dort hat mir gutgetan. Ich konnte viel mit meinen Gedanken allein sein, ohne dass Störgeräusche von außen zu mir vordringen konnten. Natürlich; ganz abgeschnitten waren wir nicht von der Welt, und das wollten wir auch gar nicht.

Donnerstag ist etwas passiert, das ich einfach nur bemerkenswert fand. Nachmittags war ich wieder in dieser ekligen Mischung gefangen, aufgedreht und übermüdet (ein Kleinkind würde dann vermutlich stundenlang brüllen und nölen und und und), ich legte mich ein wenig ins Bett, wälzte mich von links nach rechts, machte die Augen zu, aber statt Schlaf kam ein Stimmchen angekrochen, das mir sanft ins Ohr flüsterte. „Family Affairs“ sagte es. Mehr nicht.

Nun hat das ja was zu bedeuten, dieses „Family Affairs“, und ja, es geht um eine Geschichte, die ich gerne irgendwann erzählen würde. Und zu dieser Geschichte gibt es schon mehr als bloß ein paar Gedanken, es gibt schon was auf Papier, schick gemacht und ausgehfein, sogar schon mal irgendwo vorstellig geworden, dann aber wieder zurückgezogen, weil das Leben in dem Moment ungerecht wurde. Diese Geschichte ruhte also, während das Leben tobte, und auch wenn die Wogen sich noch nicht vollends geglättet haben, habe ich doch am Donnerstag plötzlich diesen unwiderstehlichen Drang gehabt, aufzustehen, mich anzuziehen, mich ans Notebook zu setzen … und an den Family Affairs herumzupusseln. Und ja, das ist das Allerschönste an der ganzen Sache und der Grund, warum ich es erzähle: es wurde rund. Was vorher gefehlt hatte und mir einiges Kopfzerbrechen bereitet hatte, fügte sich jetzt ins Bild, und in weniger als einer Stunde war aus einer Baustelle etwas geworden, das zu schreiben ich unbändige Lust hatte – und noch habe. Jetzt liegt das Exposé bei meiner Agentin und wartet auf ihr Urteil. Und dann gehen wir da raus und suchen einen Verlag, der’s macht.

Ich hab auch schon einen im Blick.

Ein Rückschlag.

Eigentlich sollte ich mich nicht entmutigen lassen, wenn es Rückschläge gibt. Vor allem nicht, wenn ich weiß, dass meine Arbeit gut ist. Dass ich’s kann und dass eine Ablehnung meines Projekts nicht das Ende der Welt bedeutet, sondern im Grunde die Chance auf etwas Anderes bieten kann.

Aber heute geht das nicht. In mir macht sich Trauer und eine große Portion Wut breit. Enttäuschung, das auch. Gar nicht gegen jemand bestimmtes. Die Umstände waren halt nicht so. Es sollte nicht sein. Man kann die Reihe Platitüden beliebig fortsetzen. Die Fakten bleiben: Kurz vor knapp und eigentlich mit viel Rückenwind ausgestattet ist ein Projekt gescheitert, obwohl es bisher kein bisschen nach Scheitern aussah. (im Gegenteil!)

Und nun?

Mir kommt es so vor, als wäre dies die Steigerung der miesen Laune, die mich jetzt schon einige Zeit umfängt. Als wär’s jetzt einfach noch ein bisschen mehr, ein höheres Level erreicht, und die spannende Frage ist, ob ich das jetzt auch aushalte. Es ist ein Herzensprojekt, aber die Vorstellung, jetzt wieder bei Null anfangen zu müssen, macht mich mutlos. Ich kann das nicht. Hier läuft so vieles im Moment schief, ich habe mich daran geklammert, dass wenigstens diese Sache gut ausgehen würde, und jetzt klappt nicht mal das.

*flupp* (Sturzgeburt. Nicht zwingend überlebensfähig.)

Nachts hat es geschneit.
Früher wäre dies einer der Tage gewesen, an denen Vera angerufen hätte, früh morgens, wenn ich noch schlief. Wenn sie gewusst hätte, dass ich noch schlafen würde.
Sie behielt das Wetter in Rom stets im Blick. Für sie war das eins der „Wunder dieser mordernen Zeit, in der wir leben“, dass man das Wetter am anderen Ende von Europa verfolgen konnte, ohne aus dem Haus gehen zu müssen. Man konnte dabei sogar im Bett liegen und dank einer Webcam den Passanten dabei zusehen, wie sie mit hochgezogenen Schultern und Regenschirmen vor dem Kolloseum hin und her eilten.
Ich hätte daraufhin erwidert, sie sei noch immer das Landei. Das behütete, dritte Kind, das Nesthäkchen, auf das die großen Brüder aufpassten. Ich hätte sie geneckt, und sie hätte bloß gelacht und gesagt: „Das ist lange her.“
Heute trete ich auf den winzigen Balkon, meine Hände umschließen den großen Becher mit dem doppelten Cappuccino, den ich jeden Morgen auf Knopfdruck dem Kaffeevollautomaten entlocke. Über den hätte sie dann auch gelacht, weil er durch die Telefonleitung so viel Lärm macht, während ich daneben stehe und meinen Finger in die heiße Milch halte. „Da lebst du in einem Land, in dem man echt was von Kaffee versteht, und lässt dich von einer Maschine bedienen.“

Da lebst du in einem Land, in dem man echt was von Kaffee versteht, und lässt dich von einer Maschine bedienen.
Ich denke es nur. Weil ich weiß, wie sie es sagen würde. Auf dem Balkon ist eine zarte, flaumige Schicht Schnee liegengeblieben, der unter meinen Füßen zu einem nassen Nichts zusammenschmilzt. Ich bewege die Zehen, die Kälte kriecht langsam hoch.
Ich hab kalte Füße im Schnee.
Genieß es, Sophie.
Von ihr hörte ich nie, ich solle mich dicker anziehen, damit ich nicht friere.
Sie fehlt mir so. Jetzt ruft gar niemand hier an, keiner fragt, ob ich kalte Füße bekomme im Schnee. Wer denn? Mein Vater? Ich glaube, manchmal hat er vergessen, dass er noch eine erwachsene Tochter hat. Veras Familie? Bewahre.
Und meine Freunde rufen nicht einfach an, das habe ich ihnen erfolgreich ausgetrieben. Ich rede nicht gerne, wenn ich den ganzen Tag nichts höre, außer das Klappern der Tastatur. Das Rascheln der Seiten, wenn ich nach einem bestimmten Abschnitt suche. Das Lärmen meiner Kaffeemaschine. Ich rede nur in Gedanken mit ihr, weil sie mir so nah ist.

Vera? Ich komm nicht mehr weiter. Das Stipendium ist abgelaufen, ich brauch noch mehr Zeit.
Ich kann sie wieder lachen hören und schließe die Augen.
Wir brauchen immer mehr Zeit als wir bekommen können.

Exposétestleserunde – Von einem Exposé, das auszog, die Leser zu fesseln …

Ich bin normalerweise, wenn ich schreibe, nicht der Typ Autorin, der alle drei bis fünf Seiten einem Testleser den ganzen Schwung auf den Tisch knallt und nölt: „Lies gefälligst! Sofortigsten! Sag mir, dass das gut/schlecht/irgendwas ist!“

Nein, ich sitze lieber in meinem stillen, stillen Kämmerlein, pröttker gutgelaunt vor mich hin, bin mit meinem Roman und mir allein. Idealerweise habe ich noch im Verlag eine Lektorin sitzen, die mich ein bisschen triezt, die alle hundert Seiten mal lesen will, was ich da fabriziere, und mit der ich dann hin und her diskutiere, was ich besser machen kann. Wie gesagt, das ist der Idealfall, aber nicht zwingend notwendig. Ich hab schon mehr Bücher ohne diese Art der Begleitung geschrieben als mit, und die sind auch fertig und rund geworden. Also.

Jedenfalls: wo ich das dann gut kann, dieses Seiten dem Testleser vor den Latz knallen, das sind meine Exposés. So habe ich es bei den Sonnenfängern gemacht, als ich von einer Handvoll Leserinnen unterstützt wurde. Es ging vor allem darum, ob die Geschichte funktioniert. (und jenen, die sie damals gelesen haben, kann ich sagen: Ach, es ist noch so viel komplexer geworden als das, was im Exposé stand!) Sie funktionierte bei allen Testlesern, ich schickte das Exposé ein, der Rest ist Geschichte bzw. das zweite Buch schreibe ich diesen Sommer. Und das erste kommt bald raus, die Testleser bekommen je ein Exemplar.

Jetzt brauchte ich aber für ein neues Projekt (die Vorgeschichte ist ein bisschen ähnlich, nur anders) wieder mal jemanden, der mir sagt, dass ich gar nicht so schlechte Exposés schreibe. Denn, und jetzt kommt das Wilde an der Sache: Exposés schreibe ich einfach so runter. Das kann zwei, drei Wochen dauern, aber dann schreib ich sie so runter, auch in mehreren Etappen möglich. Das Besondere dabei ist: ich les das Exposé dabei nicht. Das kann ich einfach nicht, weil die perfekte Version ja schon in meinem Kopf ist, und alles, was da schon steht, macht mich völlig kirre und bringt mich durcheinander. Okay, ich weiß, wo ich etwas streichen muss, aber ich lehne mich danach nicht entspannt zurück und lese es in aller Ruhe noch mal durch, ehe ich es an Testleser schicke.

Hätt ich das vorher sagen sollen? ;-)

Interessant sind jetzt die Rückmeldungen, die ich von allen Seiten bekommen habe. Insgesamt habe ich das Exposé an sieben Leserinnen (und den berühmten Herrn Quotenleser) geschickt. Gemocht haben’s alle. (Erleichterung!) Großartig fand ich, wie oft ich gehört habe „ich lese eigentlich keine FamilyAffairs-Romane, aber das hier würde ich lesen!“ – was ich aber am Spannendsten fand, waren die detaillierten Anmerkungen, von denen ich sicher einige in die endgültige Fassung übernehmen werde.

Da habe ich en passant jemandem einen besonderen Landwirtschaftszweig auf den Leib geschrieben. Sowas, das es in Deutschland so gut wie gar überhaupt nicht gibt. Schreibt eine Leserin: „Mein Vater macht genau das!“

Da habe ich en passant einer Protagonistin einen besonderen Lebensumstand auf den Leib geschrieben. Vermutlich weiß ich jetzt, wieso (denn ich bin ein Schwamm, der alles um sich herum aufsaugt …), denn eine Testleserin rief: „Das mach ich auch grade, wenn du also Infos brauchst …“

Und besonders spannend fand ich: die Geschichte besteht aus zwei Teilen. Eine Leserin fand Teil 1 toll und rund und alles, hatte aber ein paar sehr interessante Vorschläge für die Führung von Teil 2. Eine zweite Leserin fand Teil 2 rund und toll, an Teil 1 hatte sie aber vieles auszusetzen.

Aha! Vermutlich bleiben beide Teile so, wie sie sind; ich hab ja noch ein paar Tage Zeit, darüber nachzudenken. (und ich hatte schon viele Tage Zeit, mir Gedanken zu machen, warum ich die Konstellation so gestalte, wie ich sie gestalte. Leider würde es den Rahmen eines Exposés sprengen, wenn ich die vielen Gedanken, die zwischen den Zeilen schweben, schon mit einfließen lassen würde.) Aber bei manchem ist jetzt mein Blick geschärft, wenn ich noch mal drübergehe, und ich weiß jetzt einfach, dass dieses Exposé richtig schön rund und mitreißend sein wird, wenn ich es Montagfrüh heimlich, still und leise der Verlagslektorin ins Mailfach schiebe.

Und dann heißt es wieder mal warten. Haha!

Den Markt kennen.

(und ihm etwas anderes bieten.)

Als Schriftstellerin, nebenher Übersetzerin, ehemalige Buchhändlerin und (schon immer) passionierte Leserin stecke ich in einem schicken Dilemma. Ich kenne den Markt (das ist die Buchhändlerin in mir), ich will beim Lesen immer unterhalten werden (die Leserin), bei Büchern aus dem Englischen reagiere ich empfindlich auf sprachliche Umsetzungen (die Übersetzerin), und als Schriftstellerin möchte ich mich am allerliebsten von alledem lösen und bloß meine eigenen Geschichten erzählen. Was nicht so einfach ist, weil ich nach wie vor den Markt beobachte und ihm vorausspüren möchte, was kommt. Oder was eben gerade in den Verlagen gesucht wird.

Manchmal kommt dann eine Idee angeflogen, die sich im Gespräch ergibt, die aus dem Wunsch erwächst, ein gemeinsames Projekt zu machen. So erging’s mir mit den Sonnenfängern, so ergeht’s mir vielleicht jetzt mit einem neuen Projekt, an dem ich schon seit Wochen herumdenke und plane. Wenn mir jemand sagt, „wie wär’s mit etwas wie Autor XY?“, dann bin ich bisher immer sehr gut damit gefahren, mich mit dieser Messlatte nicht auseinanderzusetzen und kein Buch dieses Autors zu lesen.

Jetzt habe ich zum allerersten Mal eine Ausnahme gemacht. Weil ich neugierig war, weil ich wissen wollte, wie die innere Struktur ist (es ist etwas komplexer, etwas dicker, etwas verschachtelt). Ich habe es gelesen, und naja … Ich sag immer, bei 500 Seiten sei für mich Schluss, nicht nur beim Lesen, auch beim Schreiben, da ist meine Grenze erreicht. Und so erging’s mir in diesem Fall auch wieder: die letzten 150 Seiten zogen sich, es wurde immer verschachtelter, immer noch eine Ebene, noch eine Wendung, noch eine Überraschung. Das Ganze dann so atemlos und hektisch erzählt, dass ich das Gefühl hatte, dem Autor ginge gerade die Luft aus. Was ich schade finde, weil die Idee grundsätzlich schön ist.

Jetzt weiß ich also, was ich anders machen möchte. Nicht unbedingt besser, nein: anders. Meine Art, diese Geschichte zu erzählen, die seit Wochen in mir heranwächst. Diesmal hat es mich nicht – wie befürchtet – gehemmt, den Markt zu kennen, es hat mich beflügelt und mir Mut gemacht. Das Exposé wird jetzt rund und schick gemacht, damit es bald auf Reisen gehen kann …