Testleser gesucht! Oder: jetzt wird’s ernst.

Testleser sind für mich in dieser Form ein völlig neues Feld. Bisher waren vor allem meine Agentin und meine Verlagslektorin die einzige Kontrollinstanz, die ich hatte – und beide waren mit ihren Argusaugen hervorragend für mein Buch. Aber diesmal möchte ich aus verschiedenen Gründen gerne die Testleser vor das Lektorat stellen.

Also brauche ich Testleser.

Was macht ein Testleser?
Du liest mein Buch vor Erscheinen und machst Anmerkungen. Was dir gefällt, was dir nicht gefällt, Tippfehler & Co.

Was macht ein Testleser nicht?
Mir vorschreiben, was ich zu tun habe. Eure Anmerkungen sind für mich “nur” Anregungen. Keine Pflichtveranstaltung. Ich bleibe letztlich Herrin der Geschichte. Aber ich möchte wissen, ob sie funktioniert, ob sie zieht, ob sie euch in ihren Bann zieht.

Wie kann ich Testleser werden?
Du bewirbst dich bei mir. Ganz einfach: schreib mir eine Nachricht übers Kontaktformular, bekunde dein Interesse und schreib deine E-Mail-Adresse und die Postadresse dazu. Super wäre, wenn du dazu schreibst, welche Vorlieben du hast. Ich schreibe Unterhaltungsliteratur, und wenn du nur mit Grass was anfangen kannst, wird dich die Testleserschaft sehr unglücklich machen (und mich vermutlich auch, denn ich will ja gefallen!). Ich verspreche, dass ich mit deinen Daten nix anfange außer sie in meine kleine Testleser“datenbank“ einzupflegen.

Wie läuft so eine Testleserschaft ab?
Wenn ich einen Roman fertig habe, suche ich aus meinem Adressenpool 5-6 Testleser heraus und schreibe sie an. Das kommt dann überraschend à la “Hey, hast du jetzt Zeit?” Zeit kann ein wichtiger Faktor sein, deshalb gibt’s meist nur 2-3 Wochen Frist fürs Lesen. Und wenn ihr grad keine Zeit habt, sagt das bitte. Ihr seid damit nicht automatisch aus dem Testleserpool raus, ich frag euch sicher ein zweites Mal.

Und dann? Kriege ich eine Datei?
Leider nein. Ich bin eine sehr, sehr altmodische Pen&Paper-Überarbeiterin. Darum schicke ich jeder Testleserin den Ausdruck vom Manuskript inklusive frankiertem Rückumschlag. Ihr habt die befristete Zeit fürs Lesen und könnt direkt im Manuskript eure Anmerkungen machen (ja, wie so ‘ne richtige Lektorin ;-)). Danach schickt ihr das Manuskript zurück.

Ich wohne nicht in Deutschland. Kann ich trotzdem mitmachen?
Klar! Allerdings könnte ich dann nur das Porto zu dir tragen, das Rückporto geht auf deine Kappe. Die ausländischen Portogebühren sind teilweise echt der Wahnsinn, also bitte.

Wie komme ich denn in den Adresspool für Testleser?
Testleser sind Vertrauenspersonen. Wenn ich dich ein bisschen kenne (übers Blog, Twitter, Facebook oder aus dem Real Life), ist das schon die halbe Miete. Bei der Auswahl bin ich aber trotzdem relativ intuitiv. Darum möchte ich ja gern wissen, welche Genres du bevorzugst.

Hab ich einen Vorteil, wenn ich deine Bücher schon kenne?
Inhaltlich nicht. Du weißt allerdings, wie ich schreibe und ob du das magst.

Und in welchen Genres schreibst du überhaupt?
Ich schreibe Unterhaltungsliteratur und bin da aktuell ein bunter Hund. HIER findest du meine Julie-Peters-Romane. Familiengeschichten und Love&Landscape gehören ebenso zu meinem Repertoire wie Liebesromane, historische Romane und (es zeichnet sich gerade so ab) Dystopien.
Und wenn du “Shades of Grey” & Co. gemocht hast – ich hab in der Richtung auch was im Köcher. Ein dezenter Hinweis in die Richtung könnte dich ganz nach oben bringen bei der Testleserauswahl (auch wenn dir etwas daran nicht gefallen hat. Mir hat ja an SoG ziemlich wenig gefallen …)

Was bringt mir das?
Finanziell leider gar nichts. Ruhm und Ehre kann ich auch nicht versprechen. Was du aber bekommst: später das gedruckte Buch. Du wirst als Testleserin ausdrücklich erwähnt (es sei denn, du möchtest das nicht) und mein Dank ist dir gewiss. Und wenn eins meiner Bücher ein Millionenseller wird, lade ich alle bisherigen Testleser zu einer großen Sause ein. Versprochen!

Ich hab da noch eine Frage …
Klar, nur her damit.

Anti-Social – es ist Liebe!

Ihr kennt das bestimmt schon alle, ja?

Anti-Social ist ein kleines Programm, das mich für eine von mir selbst gewählte Zeit (zwischen 5 Minuten und 12 Stunden ist alles möglich!) von den sozialen Netzwerken ausschließt.

BUMM.

Wenn ich während der konzentrierten Arbeitsphase dann z.B. „nur mal kurz gucken“ will, was bei Twitter oder Facebook grad abgeht, zeigt mir Anti-Social die lange Nase bzw. gar nichts. Die Seite kann gerade nicht erreicht werden, arbeite gefälligst weiter, SCHREIB DIESEN VERD… ROMAN!

Es ist schon gemein, und ich hab erst gezögert, ob ich es mir gönne (teuer ist’s ja nicht, vor allem nicht in Kombination mit der Strafverschärfung Freedom). Aber dann wollte ich es wenigstens kurz ausprobieren. Was man eben so prokrastiniert, wenn man eine Übersetzung fertigstellen muss.

Und ja, es funktioniert. Ich arbeite meist eine bis maximal zwei Stunden intensiv – und kriege in der Zeit deutlich mehr geschafft als sonst in drei bis vier Stunden. Und ich fühle mich danach nicht so völlig schwurbelig in der Birne. Denn wenn ich im Text hänge – aus welchen Gründen auch immer – ging’s dann bisher immer in Dauerschleife durch die sozialen Medien, was mich kolossal aus dem Text schleudert. Bis ich da wieder drin bin, vergeht leider viel zu viel Zeit. Und das sorgt dann bei mir für Unzufriedenheit.

Mit Anti-Social ist das anders. Und besser. Besonders gut gefällt mir, dass man selbst definiert, welche Seiten jetzt eben nicht angesurft werden dürfen. Wenn ich mich wieder ertappe, eine Nachrichtenseite aufgetan zu haben, die eben nicht in der Liste steht, füge ich sie einfach hinzu.

Natürlich muss ich Anti-Social auch anwerfen. Und die Liste der „verbotenen“ Seiten pflegen.
Wem das nicht genügt („Ich will das ganze Internet ausschalten!“), der kann auf Freedom zurückgreifen. Funktioniert genauso, nur dass man eben gar nix mehr reinbekommt. Und auch Mails/Chats ausschalten kann.

Wer mir jetzt damit kommt, dass man ja auch einfach das WLAN ausschalten könnte … jo. Als hätte ich das nicht schon versucht. Das Problem ist, dass man das WLAN auch wieder einschalten kann. Anti-Social und Freedom sind da nicht so leicht zu überlisten. Sie wollen mindestens einen Neustart und fragen danach, ob sie die Session nicht lieber fortsetzen dürfen. Die Hemmschwelle ist höher. Es geht schließlich um effizientes Arbeiten.

Wer das jetzt für heillose Geldverschwendung hält („Herrje, mit ein bisschen Willenskraft kannst du das auch ohne so ein Programm, oder?!“) – bitteschön. Ich bin nicht so willensstark. Ich sitze den ganzen Tag allein (!) an meinem Schreibtisch, Twitter ist mein Großraumbüro, Facebook mein Fenster zur Welt. Es gibt Tage, an denen ich zwischen neun und sechs (wenn der Liebste das Haus verlässt und spät heimkehrt) mit niemandem rede. Ich bin für mich und mein Arbeitstempo selbst verantwortlich. Mit Anti-Social geht es nicht nur besser, sondern auch schneller. Und das ist mir wichtig und hilft enorm, dass ich mich auf das konzentrieren kann, was gerade getan werden muss.

Als wäre ich wieder achtzehn …

Okay, ich geb’s zu – irgendwann kommt man an den Punkt, dass man nicht noch mal achtzehn sein will. So vieles war damals irgendwie verquer und anstrengend, man wusste ja noch nicht, wohin es einen treibt, man hatte nur Träume und Vorstellungen. Vielleicht ahnte man schon, dass sich manches davon nicht so einfach in die Tat würde umsetzen lassen. So vieles lag im Dunkeln. Oder man redete sich eine Weile erfolgreich ein, dass die Welt nur auf die eigene Stimme gewartet hat.

Aus jener Zeit ist mir noch lebhaft eines in Erinnerung: wie ich gelesen habe. Als gäbe es kein Morgen, sondern nur noch dieses eine Buch, das dann das nächste bedingt, eine Perlenschnur von Lese-Erlebnissen, die ich rückblickend gar nicht mehr in die Form bekomme. Da war nur dieses eine Gefühl von Selbstvergessenheit und Offenheit, und jedes Buch war das richtige. Ich las nicht, weil ich eine Art Lektüreliste abarbeiten wollte, sondern ich las, weil diese Bücher etwas in mir anrührten. Etwas, das schmerzte und heilte zugleich.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der anderen Seite des Lesens. Dort, wo man liest, um zu vergessen. Sich selbst, das eigene Elend, dieses Ziepen irgendwo neben dem Herzen. Es durfte bloß nicht zu viel von mir verlangen, nicht zu tief unter diese viel zu dünne Haut gehen. Seicht, leicht, kuschelig. So wollte ich lesen und so wollte ich schreiben. Beides funktioniert jetzt plötzlich nicht mehr, weil meine Sinne langsam aufwachen. Ich weiß nicht mal, woran das liegt, aber wer bin ich denn, das alles zu hinterfragen? (vielleicht ist es das beständige Versuchen, das es besser macht. Jetzt dann doch.)

Jetzt lese ich, weil ich hungrig bin. Und mit dem Lesen kehrt das Schreiben zurück. Anders. Lebhafter. Gieriger. Ich produziere Text um Text, bin kritischer als zuvor (was mal so gar nicht ist wie damals mit achtzehn, als ja alles vor Genialität gefunkelt hat) und forme jeden Satz, ohne ihn in Stein zu meißeln. Es ist anstrengend; nach zwei Stunden am Abend bin ich völlig ausgelaugt.

Und dann gehe ich ins Bett, falle in fremde Welten und lausche fremden Stimmen in meinem Kopf und bin verzaubert. Es macht etwas mit mir. Macht mich wacher, lichter, lässt mich innehalten und glücklich seufzen. Jawohl, glücklich. Und die Liste der Bücher, die ich noch lesen will und wieder lesen will, wird länger und länger. So wie damals, als jedes Buch, jede Welt für sich mich vor Neid erblassen ließ.

Und jetzt? Ich bin froh, wieder wie damals zu lesen, so offen und neugierig. Mehr nicht. Eine alte Fähigkeit, von der ich nicht wusste, dass ich sie noch besitze.

Die „richtigen“ Worte finden.

Das geht mir nicht aus dem Kopf.

Eine Bekannte bei Twitter schrieb in den leeren Raum hinein (in den wir alle Tag für Tag unsere kleinen und großen Erlebnisse, Kümmernisse, Gedanken und Empfindungen schreiben, weil wir eben wissen, dass dieser Raum nicht so leer ist, sondern dass da viele sind, die lesen, nicken, etwas antworten), sie würde gern über so vieles schreiben, doch sie habe Angst, die „richtigen“ Worte zu finden.

Es gibt keine falschen.

Oder, anders formuliert: natürlich ist es nicht leicht, die „richtigen“ Worte zu finden. Wobei ich gar nicht mal die richtigen Worte meine, sondern vielmehr: Die Worte, die richtig verstanden werden. Denn was für mich richtig klingt, kann für euch ja in vielen Fällen irgendwie krumm und schief klingen. Was gar nicht mal so unwahrscheinlich ist bei mir, ich schreib nämlich, wie mir der Schnabel gewachsen ist, ich lese kein zweites Mal drüber, ich schicke den Text ab, wie er eben ist. Und weg ist er. Aber es hat lange gedauert, bis ich an diesem Punkt war. Inzwischen ist es schon Jahre her, aber es gab die Zeiten, als ich jeden Abend intensiv meine Blogstatistik studierte, als ich jeden Kommentar bejubelte, als ich jede Verlinkung feierte. Weil das alles, diese kleinen, funkelnden Bestätigungen meines Schreibens, die im Dunkel um mich aufleuchteten, mir versicherten, dass ich gelesen werde. Inzwischen wurde dies in den meisten Fällen durch ein Fav bei Twitter ersetzt (das für so vieles stehen kann: verstehe ich, finde ich auch, toller Text, Danke, usw.), und ich säubere das Blog nur von Spamkommentaren. Andere lassen keine Kommentare zu und sind damit auch glücklich.

Zurück aber zu den „richtigen“ oder „falschen“ Worten, denn ja, die haben auch was mit den kleinen Bestätigungssternchen draußen im WWW zu tun. Wenn man etwas schreibt, das vielleicht kontrovers aufgenommen werden könnte und das aus einem sehr persönlichen Blickwinkel in die Welt getragen wird, kann jede abfällige Bemerkung ja schon zu viel sein. Oder die Nicht-Reaktion. Keine Sternchen, weil ein Text erstmal sehr nachdenklich stimmt. Oder weil er zur falschen Zeit in die Twittertimeline gespült wird. (während alle anderen Tatort gucken, zum Beispiel.) Oder die Reaktionen kommen vereinzelt, sind aber nicht das, was man sich erhofft. Es gibt so viele Gründe, warum ein Text nicht die Beachtung findet, die er sich wünscht. (im Großen geht mir das ja mit meinen Büchern auch so, denen ich viel mehr Leser wünsche – nicht, weil ich dann reich und berühmt werde, sondern weil ich mir wünsche, dass die Leser verstehen, was ich zwischen den Zeilen schreibe. Unterhaltung, die eben nicht nur als Unterhaltung funktioniert.) Und vielleicht gehören die „richtigen“ Worte auch dazu. Jene Worte zu finden, jene Formulierungen, dass sich der Leser zurücklehnt und sagt: ja. Verstehe ich. Mag ich. Danke.

Und gerade bei den Themen, die verletzlich machen, ist diese Angst groß. Nicht die Worte finden, die dem Thema auch mit meiner Stimme gesprochen die Größe und Wichtigkeit verleihen, die es für mich hat. Zugleich aber: da draußen Menschen zu erreichen, die darüber vielleicht noch nie nachgedacht haben und jetzt aufs Sternchen drücken oder etwas sagen, irgendwas und irgendwo, das mir das Gefühl gibt, verstanden zu werden.

Andererseits: ich schreibe vor allem für mich. Und für mich gibt es kein falsches Wort, denn jedes Wort, das ich loslasse, das ich in die Welt schicke, ist ein kleines Stück von mir. Jeder Satz ein Blick hinter die Fassade, jeder Eintrag ein Herzensding, das ich euch schenke. Ich schreibe, weil mich vieles bewegt. Und weil ich mich ein bisschen leichter fühle, wenn ich manches loslassen darf.

Wenn einer von euch da draußen dann aufs Sternchen drückt oder meinen Text retweetet oder sonstwie einfach nur signalisiert, dass mein Text gelesen wurde, dass er irgendwas bewegt hat – dann ist das für mich wie ein Geschenk.

Wir sind viele.

Wenn ich eines gelernt habe in diesen drei Monaten, dann dieses: unser Schicksal ist ein mieser Verräter, ja, es hat uns das Schönste genommen, hat uns den großen Traum verwehrt, den wir geträumt haben. Wir hatten uns unbändig aufs Elternsein gefreut und wurden aus dieser Vorfreude mit der Diagnose herausgerissen. Das ist brutal, das steckt man einfach nicht so weg, das wird noch dauern.

Aber wenn ich eines gelernt habe in den letzten drei Monaten, dann dies: wir sind viele. So viele! Auch jetzt noch kommen die Geschichten zu mir. Die große Schwester, die nur wenige Tage lebte. (gleich zweimal.) Der Sohn, der still geboren wurde. Der Sohn, der schwer krank war und nach wenigen Wochen starb. Die Tochter, die nicht mehr war. Und so unendlich viele mehr. Es gibt so viele Verlustgeschichten, und sie alle, jede für sich, brennen sich mir ins Gedächtnis. Ich weiß jetzt: sie verändern alles.

Denn ja, irgendwann geht das Umfeld wieder zur Tagesordnung über. Man trifft sich das erste Mal, ich erzähle von den letzten Monaten. Es werden kluge Dinge gesagt. (keiner hat mir gesagt, ich müsse nach vorne schauen und könnt‘ ja noch so viele Kinder haben. Nicht. Ein. Einziger. Darüber bin ich sehr froh.) Aber dann trifft man sich ein zweites Mal und es ist schon weniger Thema. Natürlich ist es so, und das ist auch absolut in Ordnung.

Aber in unserer Familie lebt unser Sohn weiter. Er hat seinen Platz eingefordert, hat ihn eingenommen und hat uns alle verändert. Wir vergessen ihn nicht. Wir, die wir ihn kennenlernen durften. Ein Freund, der all seinen Mut zusammen nahm und uns im Krankenhaus besucht hat (mit bangem Herzen, was ich so gut verstehe, weil: wie sieht ein totes Baby aus? Ist es sehr schlimm? Aber er war wunderschön, sagt auch der Freund), erklärte mir diese Woche, der Tag gehöre für ihn zu den ergreifendsten, an die er sich erinnern kann. Auch dort hat unser Sohn seine Spuren hinterlassen.

Ich bin gegen das Vergessen. Aber ich kann mich genauso wenig im Schmerz einrollen. Ich nehme diese Geschichten an, nachdem sie mich anfangs, als alles noch viel zu frisch war, völlig verstört haben. Ich nehme sie an und sage: wir sind viele. Und warum, um alles in der Welt, wird darüber so viel mehr geschwiegen als geredet? Gibt es dafür einen guten Grund? Aktuell fällt mir nur ein: Gedankenlosigkeit. Denn genauso war ich ja, bevor es uns passierte. Immer mit der diffusen Angst, es könnte diesem Kind etwas passieren – wie es jede Mutter hat – aber zugleich voller Überzeugung, das Schicksal kann nicht uns meinen. Da habe ich mich geirrt.

Wir sind viele – und wir alle nehmen unser Schicksal an, auf die eine oder andere Art. Meine Art wird vielleicht sein, darüber zu schreiben. Weil ich dieses Thema wichtig finde, weil es zu oft ignoriert wird. Weil wir so viele sind, die mit dem frühen Tod ihres Kindes leben müssen. Weil ich Hoffnung haben will, weil ich Angst habe und weil beides zusammen geht.

Die Mohnkuchen-Therapie.

„Magst du Mohnkuchen?“

Ich mag und machte mich deshalb – mitten im tiefsten Jammertal – Mittwochmorgen auf den Weg zu einem Mohnkuchen-mit-Kaffee-Date eine Stadt weiter. Ich. Im tiefsten Jammertal. Das muss man sich mal vorstellen. Früher hätte meine Reaktion darin bestanden, leise „mimimi“ zu nölen – ist ja ein nettes Angebot, aber nicht jetzt, nicht so. Ich wäre bestimmt keine gute Gesellschaft, das wäre meine Ausrede gewesen.

Jetzt springe ich einfach, wenn so ein liebes Angebot kommt. Da backt jemand Mohnkuchen, kredenzt mir selbigen zum Frühstück, dazu einen sehr leckeren Latte Macchiato. Und ich darf stricken, das wurde vorher ausdrücklich betont, dass Handarbeiten doch so schön beruhigend ist.

Lange Rede – es war schön. Genau das Richtige für mich im tiefsten Jammertal. Und hat von vorn bis hinten wunderbar geklappt – inklusive „kein Knöllchen“, obwohl ich meine Parkzeit hoffnungslos überzogen habe. War halt grad so schön. Da wollte ich nicht weg, weil die Parkzeit abgelaufen war. Es ging nicht mal hauptsächlich ums Schreiben, sondern um viele andere, sehr schöne Themen.

Und was soll ich sagen? Die Mohnkuchen-Therapie wirkt. Macht ruhiger, fröhlicher und irgendwie gibt’s auch den Blick wieder frei auf das, was zählt. Das Gefühl von „leer geschrieben“ macht Platz für die Erkenntnis, dass nicht ich diejenige bin, die leergeschrieben ist, sondern dass es der Markt mit seinen Anforderungen ist, der mich krank macht. Verlage, die genaue Vorstellungen von dem haben, was sie von mir wollen – und die dann das, was ich machen *will* – sehr unbedingt will, übrigens! – allen Beteuerungen und Treuebekundungen zum Trotz nicht machen, weil „der Markt es nicht hergibt“. Das ist die Realität. Und die Realität kotzt mich an.

Einen Ausweg habe ich noch nicht gefunden. Aber vielleicht ist das, was ich die letzten 12 Monate gedacht habe – dass ich wirklich ohne Rücksicht auf Verluste oder irgendwelche Marktansprüche schreiben will – nicht nur der nächste logische Schritt. Sondern ich muss mich davon befreien, es allen recht machen zu wollen. Das klappt nämlich nicht. Ich mach jetzt das, was ich immer wollte. Und ich glaube, dafür bietet sich eine sehr alte Geschichte an; eine, die ich seit knapp acht Jahren schreiben will. Die mir immer noch unter der Haut brennt, ohne die ich nicht vorankommen werde. Sie muss geschrieben werden.

Vielleicht mache ich das einfach. Gegen die Angst anschreiben, dass mir die Geschichte entgleitet, wie sie es vorher immer tat, wenn ich sie anpackte. Die Angst war immer, dem Stoff nicht gewachsen zu sein. Oder keinen Verlag dafür zu finden. Oder mit dem Ergebnis nicht zufrieden zu sein. Ist jetzt alles egal. Der Stoff taugt, er geht tief unter die Haut. Bei mir. Die Hauptsache.

Natürlich war ich nicht leergeschrieben. Nur bin ich eben an dem Punkt, nicht mehr dem Markt gehorchen zu wollen und zu können – und das heißt eben auch, dass ein paar unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen.

Das alles wegen ein bisschen Mohnkuchen? Ach nein. Aber der hat schon geholfen.

Leer geschrieben.

Oder war da nie etwas?

Meine innere Stimme ist verstummt. Die, auf die ich mich immer so stilsicher hab verlassen können, die mich antrieb und dorthin brachte, wo ich heute bin. Zurück bleibt Ratlosigkeit und eine gehörige Portion Trauer. Wut natürlich auch, die von der „nicht wahrhaben wollen“-Sorte, obwohl ich weiß, dass es wohl so ist.

Kann man das verlernen? Ich dachte immer, dieses Sein als Schriftstellerin ist wie eine dünne Haut, die mich vor dem Rest der Welt beschützt. Die so dünn ist, dass andere sie nicht sehen, solange ich sie nicht so sehr an mich heranlasse, dass sie erschrecken, weil ich darunter eben verletzlich bin. Nicht diese starke Persönlichkeit, sondern immer noch verunsichert, erschöpft und traurig. Was bin ich dann ohne mein Schreiben? Ohne die Worte, in die ich mich wie in einen Kokon hülle? Ohne die Geschichten, die ich um mich spinne?

Vieles erschöpft mich schneller als früher. Bei vielem zweifle ich, ob es richtig ist. Aber beim Schreiben kam mir dieses Gefühl nie abhanden. Dieses „es tun müssen“, diese Gewissheit, dass es für mich zählt. Dass ich damit meine Kunstform gefunden habe.

Das ist keine Schreibblockade. Damit kenne ich mich aus, das ist ein Witz dagegen, meist ein dramaturgisch motivierter. Nein, es ist etwas finstres, das mich nicht das tun lässt, was vielleicht gut und richtig wäre. Ich bin verstummt, und was von mir bleibt, ist nicht mal eine leere Hülle, sondern nur – Leere. Nicht mal adäquat beschreiben kann ich es, weil mir alles abhanden kommt. Ich bin nicht mehr die, die jedes Jahr drei Bücher schreibt. Ich bin die, die nachts im Bett sitzt, hellwach und im Dunkeln lauschend, ob die Geschichten zu mir kommen. Sie sind da, aber meine Stimme kann sie nicht mehr in die Form bringen, die meinem eigenen Anspruch genügt. Und so drehe mich im Kreis, denke darüber nach, wenn ich nicht mehr nur dieses Jahr Pause mache, sondern wenn ich nie mehr Bücher schreibe. Wenn ich nie mehr veröffentliche. Wenn ich nie mehr was zu sagen habe.

Hab ich etwa schon alles gesagt?

Die leidige Diskussion (U vs. E)

Mein neues Exposé – eines von zwei neuen Exposés, die aktuell unterwegs sind – wurde gestern von meiner Agentin mit Feedback bedacht. Mit einem „was möchtest du denn gerne?“-Feedback. Weil ich damit schon deutlich zwischen U und E stehe.

Und das ist schwierig. Und zu beantworten ist das schon gar nicht, weil ich es nämlich nicht weiß und weil ich die Einordnung zwischen U und E nicht mag. Was wiederum daran liegt, dass ich beides lese, dass ich alles schätze, dass ich sowohl U als auch E gerne produziere(n würde).

In diesem Land aber, in dieser Sprachwelt, teilen wir ein. Die Guten ins Regal, die Schlechten auf den Tisch. Oder anders gesprochen: Die U(nterhaltungsliteratur) hat eben diesen Makel, dass sie sich zwar gut verkauft, vom Feuilleton aber geflissentlich ignoriert wird. Und umgekehrt: Viele E(rhabene Literatur) vermodert in den Regalen der Buchhandlung ungekauft, während die Feuilletons sich schier bepissen vor Freude darüber, wie toll ein Buch doch ist.

Was ich überhaupt nicht kapiere, ehrlich gesagt.

Wenn mich ein Roman unterhält – sei es wegen der schmissigen Sprache, wegen der rasanten Handlung, schlicht: weil er mich packt und erst wieder ausspuckt, wenn er mir das Hirn verdreht hat -, ist es doch wurschtegal, ob es sich um einen Nackenbeißer handelt oder um das neue Werk von Günther Grass. Beide erfüllen ihren Zweck, und ja, ich bin überzeugt, dass sich Qualität dann doch irgendwann durchsetzt und ihren Platz findet in den Regalen und auf den Tischen der Buchhandlungen.

Ich habe viel U geschrieben in den letzten sieben Jahren. Und immer mal wieder blitzt in den Rezensionen auf, dass das von mir geschriebene U etwas mehr ist. U heißt nämlich auch oft: schwarz und weiß. Wenn ein Buch so erzählt wird, mit klaren Stereotypen, verliert es mich übrigens früher oder später – zumindest, wenn mir die Stereotypen mit dem Holzhammer eingebläut werden sollen. Was ich mag, sind die zahllosen Abstufungen dazwischen. Dann begeistert mich alles. Und ja, gute Sprache ist auch ein Argument; wobei ich eben nicht sage, dass nur E gute Sprache kann. Das vermag U auch. Und überhaupt; Schluss mit dieser Unterscheidungswut. Warum machen wir das? Wieso ist etwas entweder unterhaltend oder erhaben? Wieso hat ein Roman entweder eine spannende Handlung (U), die auf uns einprasselt, oder eine schöne Sprache (E), die um sich selbst kreist und nix voranbringt?

Okay, natürlich polarisiere ich. Natürlich übertreibe ich. Aber wenn man als Autorin zwischen U und E steht und gefragt wird, für welche Seite man sich entscheiden möchte – dann fühle ich mich wie Homer Simpson und die Steaks. Auf die Frage einer Flugbegleiterin, ob er nun ein Steak haben möchte oder zwei antwortete er: „Kann ich beides haben?“

Also: U oder E?
Ich möchte beides schreiben dürfen, in einem Buch! Und ich komme mir damit so gierig vor – das kann es doch nicht sein, oder?

Warum es hilft, sich immer zu überdenken.

Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so geht, aber ich überdenke mich immer sehr intensiv, prüfe meine Ansichten ebenso wie das, was von außen an mich herangetragen wird, und daraus resultiert dann oft eine Neubewertung, die dann standhält, bis ich das nächste Mal so intensiv nachdenke.

Da das ein fließender Prozess ist, kann ich nicht mal behaupten „ich bin jetzt dies und das“, sondern eher „früher hat mir diese Situation Kopfzerbrechen bereitet, heute meistere ich sie/meide sie“. Oder „ich habe immer mehr in die Waagschale geworfen, bis ich merkte, dass es nicht mehr geht“, etc. Es gibt viele Komplexe, die ständig Veränderungen unterworfen sind. Und manches davon geht so schnell oder so subtil vonstatten, dass ich gar nicht so schnell gucken kann oder es erst nicht merke.

Kurz: es ist kompliziert.

Und das ist dann auch eine Erkenntnis: dass ich es gar nicht anders haben möchte. Mein Leben verläuft nicht zwingend optimal, wie ich es mir vorgestellt habe (vor fünf, zehn, fünfzehn Jahren), sondern es nimmt andere Wege. Es schenkt mir nicht alles, was ich mir wünsche (den Bestseller, zum Beispiel, auf den warte ich immer noch!), aber das heißt nicht, dass ich mein Schicksal beklage oder in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren zurückblicken werde und dann wehmütig sage „ach hätte ich doch“. Nein. Vielleicht ist das die Kunst, die man dann irgendwann im Erwachsenenleben lernt, die man stetig übt, in der man es nicht zur Meisterschaft bringen wird, weil man immer auf sich selbst zurückgeworfen wird: sich überdenken, neu zu positionieren, dem Alten nicht nachtrauern, sondern es als gegeben hinnehmen. Wenn ich etwas, das für mich jetzt sehr wichtig ist, nicht erreiche, wird das mein Leben nicht aus den Fugen bringen – nicht dauerhaft, hoffe ich. Es wird mich ziemlich mitnehmen, aber ich werde auch das schaffen.

Und weil sich überdenken und neu positionieren gerade mein Thema ist, habe ich das große Romanprojekt heimlich in die Schublade geschoben, schreibe zwei Exposés und kehre zu dem zurück, was ich im Moment beherrsche, weil ich mich nicht von einem Roman so beherrschen lassen kann, wie dieser es von mir verlangt. Ich schreibe wieder, aber diesmal schreibe ich, weil ich schreiben muss, will, kann, darf – und weil ich diese Freiheit genieße und mich nicht an etwas fesseln lasse, das mir zu viel von mir nimmt. Das mich aussaugt, mich schwächt. Ich habe die Wahl – und ich wähle das Leben und nur ein bisschen das Schreiben.

Mit Mitte dreißig ist es schon beruhigend, dass sich manches mit dem Lauf der Jahre schlicht und einfach relativiert …

Klappt ja super.

Wie war das? Weniger WIPs?
Foto 2
(ich konnte nicht anders, ehrlich!)

Weniger ausgeben?
Foto 1

(zu meiner Verteidigung: ich kaufe so alle 4-5 Jahre eine neue Tasche, die ich dann auch nutze, bis sie „auf“ ist. Die alte wanderte directemeng in die Mülltonne, die war nämlich wirklich auf.)

Weniger hadern?
Statt hadern kann man sich mittags für zwei Stunden ins Bett legen, lesen und schlafen. Vertreibt Hadertum ganz gut. Und danach klappt auch das entspannte Arbeiten hervorragend. Merken und zukünftig genauso praktizieren, wenn das Hadertum zuschlägt!

Foto 3
Mehr handschriftlich!

Das hingegen ist gar nicht so sehr das Problem; ich habe schon im letzten Jahr begonnen, vermehrt auf das handschriftliche Journal zu setzen, und das hat erstaunlich gut funktioniert. Bis Dezember, danach brach es wieder ab, es gab gute Gründe. Jetzt sind die guten Gründe überwunden, ich mache weiter wie bisher. Es tut richtig, richtig gut.
Was ein bisschen nervt, ist meine Ungeduld, weil ich bei Moleskine noch neue Journale bestellt habe (zu denen dann später mehr) und ein Diarium und ein Lesetagebuch. Meine Un-Ge-Duld! Schlimm.

Was fehlt: Zeit zum Schreiben. Vor allem: Planungszeit. Diesmal plane ich nämlich, was ich schreibe, ich verrücktes Huhn!