Waage.

Ich fühl mich immer ein bisschen komisch, wenn andere Leute irgendwo erzählen, schreiben, berichten, einfach in die Welt hinausschreien, wie viele Kilos sie in welcher Zeit verloren haben. Oder was sie grad wiegen und dass sie damit unglücklich sind. Oder wie wenig das inzwischen ist, und wie stolz sie darüber sind.

In manchen Fällen, das möchte ich am Rande klarstellen, finde ich das absolut in Ordnung und nachvollziehbar. Und ich freu mich über jedes Kilo, das da purzelt. Ihr wisst, dass ich euch meine.

Nicht in Ordnung oder nachvollziehbar finde ich es bei Leuten, die ein normales Gewicht haben, vielleicht auch das, was nach diesem ominösen BMI als leichtes Übergewicht bezeichnet wird, aber eben nicht bedenklich ist. Wenn ich von solchen Leuten höre, sie müssten unbedingt xy Kilos abnehmen oder sogar stolz verkünden, sie hätten abgenommen – so what? Ich glaub, da fehlt mir was.

Mir fehlt dafür vor allem eins: mein aktuelles Gewicht. Also, das letzte Mal hab ich mich auf die Waage gestellt, da fiel sie mir in die Hand, weil wir gerade umgezogen sind, und da zog ich sie zugestaubt unter dem Tischchen im Badezimmer hervor. Oder nein, sie war sogar im Karton, und was tut man nicht alles, wenn man keine Lust hat, zu packen? Genau. Das war im September, und davor hatte ich schon einige Jahre, in denen ich mich nicht auf die Waage stellte oder nur alle halbe Jahr, und da änderte sich nie viel, darum war alle halbe Jahr auch nur ein neugieriger Impusl. Aha, immer noch wie vorher.

(wo die Waage jetzt übrigens ist, weiß ich nicht. Im Badezimmer ist sie nicht. Nein, ich glaube, sie ist jetzt im Keller gelandet.)

Wenn man mich fragt, würde ich sagen: ich hab mein Wohlfühlgewicht. Das braucht keine Zahl, das braucht nur ein Gefühl, und das heißt: mein Körper und ich, wir mögen uns.

Aber woher kommt dieser allgemeine Wahn, einem Ideal nachhungern zu müssen, das 99% eh nie erreichen werden, und wenn man es dann erreicht, zu einem Preis, der schon nicht mehr feierlich ist? Wie frustrierend muss denn das sein, sich ständig mit seinem Körper auseinander zu setzen, ihn durch Entzug von Genuss zu strafen, ihn zu Bewegung zu zwingen, zu der man vielleicht eigentlich keine Lust hat (aber muss sein, um abzunehmen, so die Argumentation), muss das nicht elend nervig sein?! Warum tut man sich das an? Ich meine, es geht hier nicht um zig Überkilos, es geht dann um so Sachen wie „ich muss unbedingt drei Kilo abnehmen!!!“

Ich muss gar nichts abnehmen. Dass ihr’s wisst: morgen geh ich mittags zu einer Familienfeier, und abends kochen wir für Freunde. Ahhh, besser noch, wir machen Wraps mit Chili-Füllung, und dazu ein bisschen Salat. Weil’s schmeckt.

Und jetzt hab ich Hunger auf einen Apfel. Vielleicht … vielleicht hab ich einfach Glück, weil ich mit meinem Körper im reinen bin, weil ich ihn mag, wie er ist, mit all seinen Schwächen. Man kann auch die Schwächen lieben lernen.

4 Gedanken zu „Waage.

  1. Solange ich dich kenne, finde ich es toll, dass du keine Waage brauchst, dich da vollkommen von frei machst und dich so magst wie du bist (und ich muss dir sicher nicht extra sagen, dass du so wie du bist toll bist).
    Ich hatte leider das Pech, dass mein erster Freund ein Arschloch war, der meinte, „je dünner je besser“ und mit mir sogar gewettet hat, dass ich es nicht schaffe, in der und der Zeit dieses und jenes Gewicht zu erreichen. Ich habe bei meiner jetzigen Größe damals 15 Kilo weniger gewogen als jetzt, was viiiiel zu wenig war. Aber ich hatte nicht das Selbstbewusstsein, mich dagegen zu wehren. Schon immer habe ich viel darauf gegeben, was andere über mich sagen und von mir denken. Das abzustellen, versuche ich seit ein paar Jahren, nicht immer funktioniert es. Ich habe auch lange gebraucht, mich danach in meinem Körper wohlzufühlen. Mittlerweile klappt das immer häufiger, aber nicht immer. Und auch ich verfalle häufig der Idee, dass ich einfach noch 3 Kilo abnehmen müsste, um mich richtig wohl zu fühlen ;-) Aber im Gegensatz zu früher setze ich mich dafür nicht mehr unter Druck, sondern genieße.
    Wenn andere in ihren Blogs hinausschreien, dass sie schon wieder 500gr oder 10 Kilo abgenommen haben, dann vielleicht einfach, weil ihnen die eigene Freude darüber nicht reicht. Sie haben nicht das Selbstbewusstsein, und brauchen, genau wie ich früher, die Bestätigung von anderen.

    Ich wünsche dir einen schönen Samstag. Und heute viel Spaß beim Wrappen!

  2. Ich bekenne mich zu dem Wahn! :-( Frau fühlt sich mit einem halben Kilo mehr schon dick. So hat jeder seine Macken. So hat jeder sein Laster. Schön ist es sicher nicht, normal vielleicht auch nicht, nervig auf jeden Fall. Bin froh, dass ich nicht die Saubermachmacke habe.
    Liebe Grüße Kerstin

  3. Das ist genau die richtige Einstellung. Der Körperwahn hat sich längst zum gesellschaftlichen Phänomen entwickelt. Was könnte aus den Menschen werden, wenn sie sich nur halb so viel um ihre Bildung kümmerten wie um ihr Gewicht.

  4. Für eine Diät esse ich viel zu gerne und für regelmäßigen Sport bin ich zu faul. *g*
    Okay, ich hab schon lange keine Größe 38, aber mit 40 kann ich auch gut leben und deshalb tu ich mir den Diät-Quatsch auch nicht an. ;-)

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