*flupp* (Sturzgeburt. Nicht zwingend überlebensfähig.)

Nachts hat es geschneit.
Früher wäre dies einer der Tage gewesen, an denen Vera angerufen hätte, früh morgens, wenn ich noch schlief. Wenn sie gewusst hätte, dass ich noch schlafen würde.
Sie behielt das Wetter in Rom stets im Blick. Für sie war das eins der „Wunder dieser mordernen Zeit, in der wir leben“, dass man das Wetter am anderen Ende von Europa verfolgen konnte, ohne aus dem Haus gehen zu müssen. Man konnte dabei sogar im Bett liegen und dank einer Webcam den Passanten dabei zusehen, wie sie mit hochgezogenen Schultern und Regenschirmen vor dem Kolloseum hin und her eilten.
Ich hätte daraufhin erwidert, sie sei noch immer das Landei. Das behütete, dritte Kind, das Nesthäkchen, auf das die großen Brüder aufpassten. Ich hätte sie geneckt, und sie hätte bloß gelacht und gesagt: „Das ist lange her.“
Heute trete ich auf den winzigen Balkon, meine Hände umschließen den großen Becher mit dem doppelten Cappuccino, den ich jeden Morgen auf Knopfdruck dem Kaffeevollautomaten entlocke. Über den hätte sie dann auch gelacht, weil er durch die Telefonleitung so viel Lärm macht, während ich daneben stehe und meinen Finger in die heiße Milch halte. „Da lebst du in einem Land, in dem man echt was von Kaffee versteht, und lässt dich von einer Maschine bedienen.“

Da lebst du in einem Land, in dem man echt was von Kaffee versteht, und lässt dich von einer Maschine bedienen.
Ich denke es nur. Weil ich weiß, wie sie es sagen würde. Auf dem Balkon ist eine zarte, flaumige Schicht Schnee liegengeblieben, der unter meinen Füßen zu einem nassen Nichts zusammenschmilzt. Ich bewege die Zehen, die Kälte kriecht langsam hoch.
Ich hab kalte Füße im Schnee.
Genieß es, Sophie.
Von ihr hörte ich nie, ich solle mich dicker anziehen, damit ich nicht friere.
Sie fehlt mir so. Jetzt ruft gar niemand hier an, keiner fragt, ob ich kalte Füße bekomme im Schnee. Wer denn? Mein Vater? Ich glaube, manchmal hat er vergessen, dass er noch eine erwachsene Tochter hat. Veras Familie? Bewahre.
Und meine Freunde rufen nicht einfach an, das habe ich ihnen erfolgreich ausgetrieben. Ich rede nicht gerne, wenn ich den ganzen Tag nichts höre, außer das Klappern der Tastatur. Das Rascheln der Seiten, wenn ich nach einem bestimmten Abschnitt suche. Das Lärmen meiner Kaffeemaschine. Ich rede nur in Gedanken mit ihr, weil sie mir so nah ist.

Vera? Ich komm nicht mehr weiter. Das Stipendium ist abgelaufen, ich brauch noch mehr Zeit.
Ich kann sie wieder lachen hören und schließe die Augen.
Wir brauchen immer mehr Zeit als wir bekommen können.

7 Gedanken zu „*flupp* (Sturzgeburt. Nicht zwingend überlebensfähig.)

    • Nja, genau das weiß ich noch nicht, ob das so funktioniert. (Hey, ihr Exposéleser! Könntet ihr mal?!)

      Weil: das wär die Stimme der Gegenwart, und ich finde, sie ist noch ein bisschen arg kratzig und widerspenstig. Vielleicht muss das auch so sein, ich weiß es nicht. Ich musste es nur gestern einfach rauslassen, es hat mir förmlich die Luft abgeschnürt, weil diese Idee plötzlich da war.

      Wenn es überlebt, ist es vielleicht sogar der Romananfang.

    • Ich finde es gut so und nicht ZU kratzig! Auf jeden Fall kann man in diesem kurzen Stück schon gut erahnen, wie zuwider es Sophie sein muss, später zurück auf’s „Land“ zu gehen ;)

  1. Ich finde es passt zu der Person, die im Expose skizziert wurde. Und der noch eher kratzige Ton wird sich sicher im Laufe der Geschichte verändern…
    Wäre das ein Romananfang würde ich jedenfalls weiterlesen.

  2. Ich würde auch weiterlesen. Es klingt einfach gut, man ist sofort dabei und kann sich alles vorstellen, kann nachfühlen, wie es ihr geht. Was du mit kratzig meinst, erschießt sich mir nicht ganz. Kratzig im Sinne von „nicht ganz rund“ (dann wird das sicherlich noch, wenn/falls du daran weiterarbeitest)?

    LG,
    Christiane

    • Mit kratzig meine ich … Also, ich möchte ja Unterhaltungsliteratur schreiben. Aber eben nicht so eine, die mit dem Strom schwimmt, sondern eher ein bisschen dagegen, bzw. ein bisschen etwas, das kratzt, das den Widerspruchsgeist regt. Und ja, ich weiß nicht, ob ich genau diesen Tonfall durchhalten kann. Für den Anfang müsste ich ihn etwas entschärfen, vll ist er etwas zu extrem gewählt.

  3. Jetzt verstehe ich. Pure Unterhaltungsliteratur wäre es tatsächlich nicht, und es ist auch nichts, was ich bisher schonmal von dir als Buch gelesen hätte. Etwas entschärft, dann kann das sicher auch unterhalten. Passt aber gut zu dir, dieser Ton ;-)

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