Ich höre auf. Sagte ich.

Und ich lachte mit den anderen. „Das halte ich eh nicht durch“, sagte ich. Zu meiner Agentin, meiner Lektorin und auch zu meinen Schreibfreundinnen, Gefährtinnen auf diesem Weg seit vielen Jahren. Ich erzählte es aber so ziemlich jedem, für den es wichtig sein könnte – meinem Mann, meiner Mutter, meinen besten Freunden: ich hör auf mit dem Schreiben. Dieses Buch da, das ich schreibe, ist das letzte.

Ich hab’s natürlich falsch angefangen. Ich sagte: „Das ist vorerst das letzte Buch, das ich schreibe. Mal sehen, was danach kommt.“ Womit ich im Grunde wieder mal den Staudamm öffnete, durch den seither in einem zunehmenden Strom die Ideen sprudeln.

Ich wollte mir bewusst eine Pause gönnen. Eine Pause von dem Rhythmus, den ich in den letzten Jahren gelebt habe: Exposé schreiben, eventuell noch eine Leseprobe, Vertrag abschließen, Buch ein halbes oder ein Jahr später schreiben, nachdem ich zwischendurch schon ein, zwei andere Bücher geschrieben hatte. Und von vorne, immer so weiter. Das war sehr angenehm, ich hatte das Glück, mit wunderbaren Verlagen und Verlagsmenschen zusammenarbeiten zu dürfen. Die mir Freiheiten ließen, die auf mich und mein Gespür vertrauten, aber auch ihr eigenes Gespür mit einbrachten zum Wohl des Buchs, das ich da ersann. Insgesamt kann ich also sagen: Diese Zusammenarbeit war in den letzten Jahren sehr fruchtbar. Sehr freundlich, schon freundschaftlich geprägt auf allen Seiten.

Wieso ich da nicht einfach weitermache? Wieso ich nicht den nächsten Vertrag schließe, das nächste Buch schreibe, wieso ich diese sichere Position aufgebe?

Weil ich meine Freiheit zurückerlangen will. Ich kann diese Art zu schreiben jedem empfehlen. Wenn das Umfeld stimmt, macht es Spaß – und das Umfeld stimmte! Ich habe also nicht aus Frust wegen mieser Verkauszahlen diese Entscheidung getroffen oder weil ich unzufrieden bin. Ich habe diese Entscheidung getroffen, ganz bewusst, weil ich mich nach dem Spielerischen sehne. Nach dem großen Zweifel. Nach der Unsicherheit, die mich zu Höchstform anspornen wird. Wenn ich ein Buch schreibe, gebe ich immer mein Bestes. Aber es ist ein Unterschied, ob ich mein Bestes gebe und schon genau weiß, was es mir „bringt“ (nicht bloß in finanzieller Hinsicht) – in Bezug auf Zufriedenheit, Spaß, Sicherheit und so fort – oder ob ich mich ins kalte Wasser der Ungewissheit werfe. Ob ich kämpfen muss, ob ich mit meinen Zweifeln ringen muss. Ich glaube, dieses Schreiben ohne Vertrag ohne Sicherheit und ohne eine Ahnung, ob das, was da überhaupt aus mir hervorbricht, in meinem Verlag oder irgendeinem Verlag Begeisterung auslöst oder nur ein müdes „ach, naja … Schauen Sie sich doch mal woanders um …“ – das wird das hervorbringen, wozu ich in den letzten Jahren nicht in der Lage war.

Weil es bequem war. Sicher. Berechenbar.

Ich wähle die Unsicherheit. Ich wähle den Sturm, die unruhige See, ich wähle das volle Programm von Euphorie über einzelne Sätze bis hin zu Phasen tiefer Verzweiflung, weil mein Verstand nicht die Worte hervorzubringen vermag, die ich für die Geschichte brauche, die ich erzählen will. Ich werfe all meinen Mut in diese neue Lebensphase. Ich weiß, was mich erwartet. Ich werde mit mir hadern, ich werde all meine Wut gegen mein Unvermögen richten, mich zur Höchstleistung anspornen, ich werde gegen das Gefühl kämpfen, dass das doch eh niemanden interessiert, was ich da schreibe (was ja durchaus der Fall sein kann!), ich lebe mit dem Risiko, etwas Unverkäufliches zu schreiben, das kein Verlag anpacken mag. Ich setze alles aufs Spiel.

Vielleicht musste ich mir in meinem Nest als Schriftstellerin erst die Sicherheit erarbeiten (denn das habe ich geschafft), um jetzt etwas ganz Neues zu beginnen. Ich will nicht sagen, dass ich mich neu erfinde, bloß nicht! Aber ich stelle mich noch einmal dem, wovor ich mich immer gefürchtet habe.

Meine größte Angst war bisher, irgendwann ohne Vertrag dazustehen und nicht zu wissen, was ich als nächstes schreiben „darf“.

Jetzt ist mein größtes Geschenk, dass ich schreibe, was mich drängt, was in mir brennt. Früher war es für mich die größte Herausforderung, das erste, das eine Buch fertig zu schreiben, mit dem ich den ersten Vertrag bei einem Publikumsverlag bekommen würde. Nachdem das geschafft war, entwickelte es sich. Es war – bei allen Hindernissen und Rückschlägen, die es immer gibt – recht leicht. Es ging immer so weiter. Und ich weiß, wenn ich Montag meine Agentin anrufe und ihr sage, ich will so weitermachen wie bisher, dann wird sie das tragen. So wie sie jetzt meine Entscheidung mitträgt, nicht mehr zu schreiben. Beziehungsweise, ja: doch zu schreiben. Aber mit ungewissem Ausgang.

Komischerweise schreckt mich das nicht. Komischerweise bin ich überzeugt, dass das, was ich da schreiben werde, gut wird. Und dass es zu den Lesern findet.

Ich höre auf, sagte ich.
Dabei ist das eigentlich erst der Anfang.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.