Warum es hilft, sich immer zu überdenken.

Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen auch so geht, aber ich überdenke mich immer sehr intensiv, prüfe meine Ansichten ebenso wie das, was von außen an mich herangetragen wird, und daraus resultiert dann oft eine Neubewertung, die dann standhält, bis ich das nächste Mal so intensiv nachdenke.

Da das ein fließender Prozess ist, kann ich nicht mal behaupten „ich bin jetzt dies und das“, sondern eher „früher hat mir diese Situation Kopfzerbrechen bereitet, heute meistere ich sie/meide sie“. Oder „ich habe immer mehr in die Waagschale geworfen, bis ich merkte, dass es nicht mehr geht“, etc. Es gibt viele Komplexe, die ständig Veränderungen unterworfen sind. Und manches davon geht so schnell oder so subtil vonstatten, dass ich gar nicht so schnell gucken kann oder es erst nicht merke.

Kurz: es ist kompliziert.

Und das ist dann auch eine Erkenntnis: dass ich es gar nicht anders haben möchte. Mein Leben verläuft nicht zwingend optimal, wie ich es mir vorgestellt habe (vor fünf, zehn, fünfzehn Jahren), sondern es nimmt andere Wege. Es schenkt mir nicht alles, was ich mir wünsche (den Bestseller, zum Beispiel, auf den warte ich immer noch!), aber das heißt nicht, dass ich mein Schicksal beklage oder in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren zurückblicken werde und dann wehmütig sage „ach hätte ich doch“. Nein. Vielleicht ist das die Kunst, die man dann irgendwann im Erwachsenenleben lernt, die man stetig übt, in der man es nicht zur Meisterschaft bringen wird, weil man immer auf sich selbst zurückgeworfen wird: sich überdenken, neu zu positionieren, dem Alten nicht nachtrauern, sondern es als gegeben hinnehmen. Wenn ich etwas, das für mich jetzt sehr wichtig ist, nicht erreiche, wird das mein Leben nicht aus den Fugen bringen – nicht dauerhaft, hoffe ich. Es wird mich ziemlich mitnehmen, aber ich werde auch das schaffen.

Und weil sich überdenken und neu positionieren gerade mein Thema ist, habe ich das große Romanprojekt heimlich in die Schublade geschoben, schreibe zwei Exposés und kehre zu dem zurück, was ich im Moment beherrsche, weil ich mich nicht von einem Roman so beherrschen lassen kann, wie dieser es von mir verlangt. Ich schreibe wieder, aber diesmal schreibe ich, weil ich schreiben muss, will, kann, darf – und weil ich diese Freiheit genieße und mich nicht an etwas fesseln lasse, das mir zu viel von mir nimmt. Das mich aussaugt, mich schwächt. Ich habe die Wahl – und ich wähle das Leben und nur ein bisschen das Schreiben.

Mit Mitte dreißig ist es schon beruhigend, dass sich manches mit dem Lauf der Jahre schlicht und einfach relativiert …

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