Wir sind viele.

Wenn ich eines gelernt habe in diesen drei Monaten, dann dieses: unser Schicksal ist ein mieser Verräter, ja, es hat uns das Schönste genommen, hat uns den großen Traum verwehrt, den wir geträumt haben. Wir hatten uns unbändig aufs Elternsein gefreut und wurden aus dieser Vorfreude mit der Diagnose herausgerissen. Das ist brutal, das steckt man einfach nicht so weg, das wird noch dauern.

Aber wenn ich eines gelernt habe in den letzten drei Monaten, dann dies: wir sind viele. So viele! Auch jetzt noch kommen die Geschichten zu mir. Die große Schwester, die nur wenige Tage lebte. (gleich zweimal.) Der Sohn, der still geboren wurde. Der Sohn, der schwer krank war und nach wenigen Wochen starb. Die Tochter, die nicht mehr war. Und so unendlich viele mehr. Es gibt so viele Verlustgeschichten, und sie alle, jede für sich, brennen sich mir ins Gedächtnis. Ich weiß jetzt: sie verändern alles.

Denn ja, irgendwann geht das Umfeld wieder zur Tagesordnung über. Man trifft sich das erste Mal, ich erzähle von den letzten Monaten. Es werden kluge Dinge gesagt. (keiner hat mir gesagt, ich müsse nach vorne schauen und könnt‘ ja noch so viele Kinder haben. Nicht. Ein. Einziger. Darüber bin ich sehr froh.) Aber dann trifft man sich ein zweites Mal und es ist schon weniger Thema. Natürlich ist es so, und das ist auch absolut in Ordnung.

Aber in unserer Familie lebt unser Sohn weiter. Er hat seinen Platz eingefordert, hat ihn eingenommen und hat uns alle verändert. Wir vergessen ihn nicht. Wir, die wir ihn kennenlernen durften. Ein Freund, der all seinen Mut zusammen nahm und uns im Krankenhaus besucht hat (mit bangem Herzen, was ich so gut verstehe, weil: wie sieht ein totes Baby aus? Ist es sehr schlimm? Aber er war wunderschön, sagt auch der Freund), erklärte mir diese Woche, der Tag gehöre für ihn zu den ergreifendsten, an die er sich erinnern kann. Auch dort hat unser Sohn seine Spuren hinterlassen.

Ich bin gegen das Vergessen. Aber ich kann mich genauso wenig im Schmerz einrollen. Ich nehme diese Geschichten an, nachdem sie mich anfangs, als alles noch viel zu frisch war, völlig verstört haben. Ich nehme sie an und sage: wir sind viele. Und warum, um alles in der Welt, wird darüber so viel mehr geschwiegen als geredet? Gibt es dafür einen guten Grund? Aktuell fällt mir nur ein: Gedankenlosigkeit. Denn genauso war ich ja, bevor es uns passierte. Immer mit der diffusen Angst, es könnte diesem Kind etwas passieren – wie es jede Mutter hat – aber zugleich voller Überzeugung, das Schicksal kann nicht uns meinen. Da habe ich mich geirrt.

Wir sind viele – und wir alle nehmen unser Schicksal an, auf die eine oder andere Art. Meine Art wird vielleicht sein, darüber zu schreiben. Weil ich dieses Thema wichtig finde, weil es zu oft ignoriert wird. Weil wir so viele sind, die mit dem frühen Tod ihres Kindes leben müssen. Weil ich Hoffnung haben will, weil ich Angst habe und weil beides zusammen geht.

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