Ich will. So sehr.

Die Angst ist immer noch da. Sie ist mein ständiger Begleiter. Die Angst, dass es uns ein zweites Mal passiert. Dass wir ein Kind bekommen und es verlieren, bevor wir unser Glück so recht haben fassen können.

Die Angst ist da, und ich weiß, sie wird nicht von meiner Seite weichen. Sie wird vom ersten Augenblick auf meiner Schulter hocken, sie wird mir alles mies machen, sie wird mir bei jedem Anzeichen, jedem Ziepen, jedem Zucken, bei jedem Nichtziepen, jedem Nichtzucken, jedem Krampf, jeder ruhigen Nacht, jedem Dies, jedem Das, sie wird mir permanent ins Ohr flüstern: „Denk dran, dass du sterblich bist. Denk dran, dass dein Glück sterblich ist. Denk dran, wie schnell es vorbei ist.“

Ich denk daran; manchmal denke ich an nichts anderes. Und trotzdem: der Wunsch ist größer. Der Wunsch, nicht mehr Herrin meines Körpers zu sein. Der Wunsch, zu spüren, dass jemand anderes das Regiment übernommen hat, dass es für neun Monate (bitte, bitte, bitte, ich will die volle Distanz, ich will das alles, ich will, ich will, ich will!) nicht allein um mich geht in diesem Körper. Der Wunsch ist da; um so mehr, da ich es erst vor kurzem wieder habe spüren dürfen. Ganz kurz nur, wie das Aufleuchten einer Sternschnuppe. Und dann wieder – vorbei. Aber diese wenigen Tage, in denen ich es erfahren durfte, in denen ich hoffen durfte – wie schön die waren! Wie sehr ich mir dieses Gefühl zurück wünsche, obwohl ich weiß, dass ich nicht ganz ich selbst bin.

Ich will so sehr. Hoffen dürfen, den Weg gehen, nicht bangen müssen, der Angst trotzig die Stirn bieten. Über sie siegen und dann, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft, das erfahren dürfen, was uns bei Jacob verwehrt blieb.

Ich will’s so sehr und muss zugleich aufpassen, dass ich in meinem „ich will’s so sehr“ nicht völlig überdrehe. Wie schafft man das? Wie bleibt man locker, entspannt und voller Zuversicht, wenn man sich doch nur das wünscht, was das Schicksal einem bereits einmal so grausam entrissen hat?

2 Gedanken zu „Ich will. So sehr.

  1. Ich wünsche Dir nichts mehr als das Du es bekommst. Das volle Paket! Sicherlich wird es nie mehr so unbefangen und sorgenfrei sein…wie auch? Aber meine guten Gedanken und Daumen sind Dir sicher!

  2. Meine auch!

    Nein, so unbefangen und sorgenfrei geht’s nicht nochmal.
    Meine „volle Distanz“ ist jetzt zwoelf, und wenn er nach einem Rugby-Spiel zehn Minuten laenger als sonst in der Wanne bleibt, kann ich nicht mehr arbeiten, weil ich Angst habe, er ertrinkt.
    Aber das ist auch gut so.
    Leben ist zerbrechlich.
    Dass ich’s zu schaetzen weiss, hoeher als alles und auch wenn’s mich achtmal in der Nacht aus dem Schlaf reisst, ist das Erbe meiner toten Tochter, das wird von mir in Ehren gehalten und geliebt.
    Das bringt auch mit sich, dass ich mich nicht angstlos darauf freuen kann, in diesem Jahr zum zweiten Mal Grossmutter zu werden.
    Aber vor allem, dass ich mich freuen kann.
    Dass ich eine Freude ueber das neue Leben in mir habe, von der ich vor dem Tod meiner Tochter nicht wusste, dass ein Mensch die Kraft dazu hat.

    Alles Liebe.
    Charlie

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