Als wäre ich wieder achtzehn …

Okay, ich geb’s zu – irgendwann kommt man an den Punkt, dass man nicht noch mal achtzehn sein will. So vieles war damals irgendwie verquer und anstrengend, man wusste ja noch nicht, wohin es einen treibt, man hatte nur Träume und Vorstellungen. Vielleicht ahnte man schon, dass sich manches davon nicht so einfach in die Tat würde umsetzen lassen. So vieles lag im Dunkeln. Oder man redete sich eine Weile erfolgreich ein, dass die Welt nur auf die eigene Stimme gewartet hat.

Aus jener Zeit ist mir noch lebhaft eines in Erinnerung: wie ich gelesen habe. Als gäbe es kein Morgen, sondern nur noch dieses eine Buch, das dann das nächste bedingt, eine Perlenschnur von Lese-Erlebnissen, die ich rückblickend gar nicht mehr in die Form bekomme. Da war nur dieses eine Gefühl von Selbstvergessenheit und Offenheit, und jedes Buch war das richtige. Ich las nicht, weil ich eine Art Lektüreliste abarbeiten wollte, sondern ich las, weil diese Bücher etwas in mir anrührten. Etwas, das schmerzte und heilte zugleich.

Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf der anderen Seite des Lesens. Dort, wo man liest, um zu vergessen. Sich selbst, das eigene Elend, dieses Ziepen irgendwo neben dem Herzen. Es durfte bloß nicht zu viel von mir verlangen, nicht zu tief unter diese viel zu dünne Haut gehen. Seicht, leicht, kuschelig. So wollte ich lesen und so wollte ich schreiben. Beides funktioniert jetzt plötzlich nicht mehr, weil meine Sinne langsam aufwachen. Ich weiß nicht mal, woran das liegt, aber wer bin ich denn, das alles zu hinterfragen? (vielleicht ist es das beständige Versuchen, das es besser macht. Jetzt dann doch.)

Jetzt lese ich, weil ich hungrig bin. Und mit dem Lesen kehrt das Schreiben zurück. Anders. Lebhafter. Gieriger. Ich produziere Text um Text, bin kritischer als zuvor (was mal so gar nicht ist wie damals mit achtzehn, als ja alles vor Genialität gefunkelt hat) und forme jeden Satz, ohne ihn in Stein zu meißeln. Es ist anstrengend; nach zwei Stunden am Abend bin ich völlig ausgelaugt.

Und dann gehe ich ins Bett, falle in fremde Welten und lausche fremden Stimmen in meinem Kopf und bin verzaubert. Es macht etwas mit mir. Macht mich wacher, lichter, lässt mich innehalten und glücklich seufzen. Jawohl, glücklich. Und die Liste der Bücher, die ich noch lesen will und wieder lesen will, wird länger und länger. So wie damals, als jedes Buch, jede Welt für sich mich vor Neid erblassen ließ.

Und jetzt? Ich bin froh, wieder wie damals zu lesen, so offen und neugierig. Mehr nicht. Eine alte Fähigkeit, von der ich nicht wusste, dass ich sie noch besitze.

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